Hat sie ihren Gast „gegrillt“ oder sich selbst überschätzt? Caren Miosga hatte in der jüngsten Ausgabe ihres ARD-Polittalks BSW-Frontfrau Sarah Wagenknecht zu Gast. © ARD
Sie wurde schon als „mächtigste Frau Deutschlands“ tituliert, der „Spiegel“ nennt sie in seiner aktuellen Ausgabe immerhin „Systemsprengerin“ – da wollte wohl auch die ARD nicht abseits stehen und ließ Sahra Wagenknecht am Sonntagabend zum Gespräch in die Sendung „Caren Miosga“ einladen. „Ist mit Ihnen ein Staat zu machen?“ lautete die Überschrift, doch die Gastgeberin, unüberhör- und unübersehbar auf Angriff programmiert, fragte zunächst streng zur Person (und zum „Personenkult“) sowie zur Rhetorik der Politikerin, brachte die 55-Jährige damit kurzzeitig in die Defensive – so sehr, dass Wagenknecht die Gesprächsführung als „unterirdisch“ bezeichnete.
Doch mit zunehmender Dauer behauptete sich die Frontfrau des BSW immer besser, wich aus, bekam Gelegenheit, mit monotonem Nachdruck eingeübte Sätze zu reproduzieren („Ich bekomme unendlich viele Mails von Menschen, die mir ihre Schicksale erzählen!“). Miosga versäumte es, Behauptungen über „Mehrheiten“ in Thüringen und anderswo, die eine bestimmte Politik wollen oder nicht wollen, zu widerlegen. Auch sonst blieben viele Fragen unbeantwortet. Nimmt Wagenknecht persönlich an Koalitionsverhandlungen teil? Macht sie eine Änderung außenpolitischer Positionen der Union weg von der Westbindung Deutschlands zur Bedingung?
Auch die „Verstärkung“ zur Halbzeit brachte keine Besserung, CDU-Mann Thorsten Frei wirkte erstaunlich unvorbereitet, Journalist Michael Bröcker hatte Wagenknechts Eloquenz ebenfalls wenig entgegenzusetzen. Die „Drei-gegen-eine(n)“-Situation dürfte Wagenknecht darüber hinaus zumindest in den Augen ihrer Fans nicht geschadet haben.
In der Beurteilung der Sendung gingen die Meinungen – wenig überraschend – weit auseinander. So sprach die „FAZ“ von einer „Sahra-Wagenknecht-Show, befeuert von der Selbstüberschätzung Miosgas“. Die Ex-Linke habe „nebenbei unwidersprochen inhaltliche Punkte machen“ können. Anders der „Focus“, der von einem „Lehrstück fürs Politikergrillen“ sprach und konstatierte: „Sahra Wagenknecht ist alles andere als souverän an diesem Abend.“ Ähnlich der „Stern“, der Miosga bescheinigte, nicht die Fehler der Polittalkerinnen und -talker vor ihr begangen zu haben. Sie mache ihren Job besser. Immerhin komme Wagenknecht „anders als bei vorherigen Auftritten meist nicht dazu, die Moderatorin und andere Gäste einfach zu überschreien“.
Die von den Machern womöglich erhoffte Steigerung der Quote durch den streitbaren Gast schaffte Miosga nicht. Die Sendung sahen 2,64 Millionen Menschen, das ist nicht so weit weg vom bisher schwächsten Wert seit dem Start des Formats Anfang des Jahres. Am 25. August konnte die ehemalige „Tagesthemen“-Moderatorin gerade einmal 2,29 Millionen zum Einschalten bewegen. Vorgängerin Anne Will hatte zuletzt im Schnitt immerhin drei Millionen Zuschauerinnnen und Zuschauer erreicht.
Bei der ARD hält man die Sendung auf Anfrage unserer Zeitung gleichwohl „für gelungen“. Die Kritik der Chefredakteurinnen und Chefredakteure sei „sehr positiv“ ausgefallen, hieß es vom verantwortlichen Norddeutschen Rundfunk, die „lebhafte Diskussion von zahlreichen Medien aufgegriffen worden“.
RUDOLF OGIERMANN