INTERVIEW

Schutzengel mit Burn-out

von Redaktion

Harald Krassnitzer über seinen neuen Film, der heute im Ersten läuft

Hätten Sie ihn erkannt? Harald Krassnitzer hat sich für seine Rolle als Schutzengel herrlich kostümiert. © Eppensteiner/BR

Eine wirklich hübsche Idee: Harald Krassnitzer, der als „Tatort“-Kommissar Moritz Eisner regelmäßig am Sonntagabend auf Verbrecherjagd geht, schlüpft für seinen neuen Film in die Rolle eines Schutzengels namens Oskar, der ausgerechnet einen Kriminellen beschützen und ihn vor allerlei Ungemach bewahren soll. „Engel mit beschränkter Haftung“ heißt die Komödie, die heute im Ersten läuft und diese Geschichte mit viel Witz, Fantasie und Poesie erzählt.

Wir trafen Harald Krassnitzer zum Interview.

Herr Krassnitzer, wir müssen über die Perücke reden, die Sie als Schutzengel Oskar tragen.

Das war mein echtes Haar! (Lacht.) Nein, natürlich nicht. Das war so ein Teil, das man eigentlich nur aufstecken musste. Wir haben uns gefragt, wie einer aussieht, wenn er nach seinem Tod zum Schutzengel wird. Und dabei wurde uns relativ schnell klar, dass der genau in dem Zustand bleibt, in dem er war, als er gestorben ist. Im wirklichen Leben wird jemand ja hergerichtet für den Sarg, umgekleidet und so weiter. Aber in der Schutzengel-Welt bleibt er so, wie er zuletzt war. Und der Oskar ist nun mal in einer Zeit gestorben, als es ihm nicht so gut ging, wie der Zuschauer im Lauf der Geschichte erfährt. Er war nicht mehr erfolgreich, hat Dinge vernachlässigt. Und das Haar gehörte vielleicht dazu.

Hilft die Verkleidung Ihnen beim Spielen?

In dem Fall hat es einfach großen Spaß gemacht. Das hat man ja eh selten, dass man so ins Volle greifen darf als Schauspieler. Und ich war vor allem dankbar, dass wir uns nicht für Flügel und helle, wallende Kleider entschieden haben. Das hätte mir auch blühen können.

Das hätte aber gar nicht gepasst – Schutzengel Oskar hat schließlich einen handfesten Burnout.

Kein Wunder nach 30 Jahren harter Arbeit. Ich finde das auch durchaus legitim, dass Schutzengel irgendwann nicht mehr können. Man will sich das ja gar nicht vorstellen, was dieser Beruf bedeutet! Man muss die ganze Zeit, immer wieder, ja auch Menschen schützen oder retten, von denen man landläufig sagen würde: Dem muss ich eigentlich gar nicht begegnen im Leben. Oder bei denen ich denke: Warum kann denn dem nicht der Unfall passieren, warum muss es das Kind sein? Man sagt ja gern, es erwischt immer die Falschen. Dass da ein Schutzengel dran verzweifelt und einen ausgewachsenen Burn-Out bekommt, ist doch sehr verständlich.

Gefällt Ihnen die Idee aus dem Film, dass wir alle von Schutzengeln umgeben sind?

Ich finde das eine tröstliche Vorstellung, ja. In einer Welt, die einen überfordert und die scheinbar aus den Fugen gerät, erleichtert uns die Vorstellung, dass wir von einer Heerschar von Schutzengeln umgeben sind, zumindest für einige Momente.

Der Film läuft in der Adventszeit. Sind Sie ein Weihnachtsmensch?

Als Kind habe ich das sehr gemocht, natürlich.

Und heute?

Ehrlich gesagt: gar nicht. (Lacht.) Ich finde das Verhalten, diese Codierung, die es an diesen Tagen gibt, wie man denn zu sein und was man zu machen hat, sehr anstrengend. Und das Ergebnis ist obendrein eigentlich nie deckungsgleich mit den Erwartungen, die man hat. Jedes Mal, jedes Jahr, hast du denselben Stress. Oder ein schlechtes Gewissen, weil man denkt: Hätte ich jetzt für die Oma doch noch was kaufen sollen? Oder hätte ich es lassen sollen, weil sie ja immer sagt, sie will keine Geschenke. Aber ist sie dann doch enttäuscht, wenn sie nichts bekommt? Und dann ist der 24. Alle denken „jetzt, jetzt, geht’s los“ – und sind in Wahrheit fix und foxi und heilfroh, wenn es 23.33 Uhr ist und man sagen kann: Jetzt gehen alle wieder heim. Dann bist du völlig überfressen, fällst ins Bett und denkst dir: Ich will morgen nicht zu den Schwiegereltern. Ich will nicht noch mal den Rimmelbimmel. Aber es ist so schwer, diesen Reigen zu durchbrechen.

Bleibt eigentlich nur verreisen. Einfach wegfahren.

Ja. Man müsste richtig brachial vorgehen und sagen: Wir sind nicht da. Oder wenigstens: Ihr kommt – und wir fangen dann (!) gemeinsam (!) an zu kochen. Das wäre ja auch mal was. Da machen aber viele wieder nicht mit. Also, Sie merken: Ich bin kein so großer Weihnachtsfan. Was ich aber mag, sind die Raunächte. Die Idee, dass man sich zwölf Nächte lang Geschichten erzählt und sich zwölf Nächte lang Zeit nimmt, sich zu unterhalten und zu fragen: Wie war eigentlich dein Jahr? Und was wünschst du dir fürs nächste? Das finde ich ein unglaublich schönes Momentum. Aber wer tut das?

Man kann es sich ja fürs nächste Jahr vornehmen.

Richtig. Wo es vermutlich auch nicht passiert. (Lacht.). Aber vielleicht ja doch.

Sendehinweis

„Engel mit beschränkter Haftung“, heute, 20.15 Uhr. ARD

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