In keinem anderen Land in Europa wird der Wahlkampf wohl so ausgiebig zelebriert wie in Österreich. Dort treten sowohl die Spitzenkandidaten der bedeutendsten Parteien als auch einzelne Parteivertreter gegeneinander an. Bei der Nationalratswahl Ende September fanden im Vorfeld mehr als 50 Fernsehduelle statt. Jeder gegen jeden – eine solche Ausuferung der politischen Debatte scheint angesichts der Anzahl solcher Formate in Deutschland nahezu grotesk.
Ist ein Modell wie in Österreich auch in Deutschland unumgänglich? Oder besteht dann die Gefahr, dass die politische Diskussion verwässert? Fernsehduelle in dieser Größenordnung einzuführen, hält der Mainzer Politikwissenschaftler Marcus Maurer für wenig sinnvoll. Der Gedanke an sich – aus Fairnessgründen jedem die gleiche Chance auf Teilhabe einzuräumen – sei zwar ein schöner Ansatz, aber „selbstverständlich wird niemand 60 Duelle anschauen“, sagt Maurer. „Ich sehe nicht, dass irgendwer in Deutschland ein solches Format haben möchte.“ Die meisten würden nur Sendungen mit Kandidaten ansehen, „mit denen sie sympathisieren oder über die sie sich gezielt informieren möchten“.
Zu viel des Guten also? Der österreichische Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, eine Instanz der ORF-Wahlberichterstattung, sieht dafür keinen Anlass. Solche „Wehklagen“ kämen nicht vom Publikum, sondern von denen, die die Debatten beruflich beobachten müssten. „Die hohen Quoten und Reichweiten in Österreich haben auch 2024 bestätigt, dass es keine Übersättigung gibt“, sagte Filzmaier unserer Zeitung. Eine Verwässerung der politischen Debatte sehe er nicht, „weil auch die Zahl der vertiefenden Analysen sowohl von Wissenschaftlern als auch von Journalisten zugenommen hat und auch diese Medienformate sehr starken Zuspruch haben.“
Unter all den Debatten unvergessen ist das Duell zwischen Alexander Van der Bellen (Grüne) und Norbert Hofer (FPÖ), die 2016 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierten. Das Niveau dieses Gesprächs bewegte sich irgendwo zwischen passiv-aggressiv und verbaler Schlammschlacht. Beide sprachen einander wiederholt jegliche Kompetenz ab, vergriffen sich im Ton („Ah, nachplappern können Sie auch“), empörten sich über die Manieren des anderen („Schweinerei“) und geizten nicht mit abschätzigen Gesten. Im Nachhinein rächte sich, dass die Fernsehmacher ein besonders krasses Experiment gewagt hatten: Es gab keinen Moderator.
Keine glorreiche Stunde für die österreichische Politik. Filzmaier sieht das Problem aber eher an anderer Stelle: „Trotz der vielen Duelle und deren großer Reichweite gibt es unverändert Wählergruppen, die diese nicht verfolgen.“ Sie zu erreichen, „wäre jedoch eine gemeinsame Aufgabe der Politik und der Medien, denn das erhöht die Demokratiequalität“. Ganz unterschätzen dürfe man solche Duelle in ihrer Wirkmacht nicht, sagt Filzmaier. Aus kommunikationspsychologischen Studien wisse man, „dass Wähler in der Fernsehdiskussion die Stärken ‚ihres‘ Favoriten stärker wahrnehmen und beim schon vorher weniger gemochten Kandidaten einer anderen Parteien mehr auf dessen Schwächen achten. Weil die Polarisierung zugenommen hat, verstärkt sich dieser Effekt mittlerweile noch mehr.“
Auch die Vor- und Nachberichterstattung sei wichtig, da dadurch das Gesagte auch jene erreiche, die die Debatte nicht gesehen haben. Grundsätzlich aber „wurde und wird die Wirkung von Fernsehduellen massiv überschätzt“, sagt Filzmaier. So änderten sie nichts mehr daran, wenn eine Partei bereits mit zehn Prozentpunkten führe. Erst wenn eine Wahl knapp sei, könne ein solcher Schlagabtausch der Kandidaten den Unterschied machen.
Dem stimmt auch Maurer zu. Einen Vorteil allerdings hätten die Teilnehmer der Fernsehduelle grundsätzlich: „Die Aufmerksamkeit gehört den Kandidaten und Parteien, die teilnehmen. Wer nicht dabei ist, verliert zumindest für einige Tage an Aufmerksamkeit.“ Ein Grund, weshalb mehr Duelle auch für Filzmaier nicht per se schlecht sind. Dennoch sei ein Format „Jeder gegen Jeden“ nur bis zu einer bestimmten Zahl an Parteien machbar. Maurer befürwortet „eine klare Regelung, wie solche Duelle organisiert werden sollen. Momentan sind die Duelle nicht institutionalisiert, sondern beliebige Fernsehsendungen, zu denen die Sender einladen, wen sie möchten.“ Eine neutrale Kommission würde seiner Ansicht nach da schon helfen.
LISA METZGER