INTERVIEW

Im Teufelskreis der Lust

von Redaktion

Münchner Therapeutin erklärt die Sexsucht aus dem Kieler „Tatort“

Die Münchner Therapeutin Heike Melzer © W. Scheible

„Perfekt können wir nicht. Perfekt zerstören wir sofort“, erklärt Nele Krüger Kommissar Borowski im ARD-„Tatort“. Mit „wir“ sind Liebes- und Sexsüchtige gemeint: Menschen, deren zwanghafte sexuelle und emotionale Muster sich „zerstörerisch auf Beruf, Familie und Selbstachtung auswirken“, wie die (reale) Organisation der „Anonymen Sex- und Liebessüchtigen“ das Krankheitsbild auf ihrer Homepage beschreibt. Eine solche Selbsthilfegruppe, die nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker agiert, wurde im gestrigen „Tatort: Borowski und das hungrige Herz“ thematisiert. Betroffene wenden sich aber auch an Heike Melzer, Therapeutin für Sexual- und Paartherapie in München. Wie sich Sexsucht definiert und wie sie behandelt werden kann, erklärt die Ärztin und Buchautorin („Versteckte Köder – Die Macht der Belohnungsreize und wie wir uns von davon befreien“) im Gespräch mit unserer Zeitung.

Woran erkennt man, dass man sexsüchtig ist?

Wir reden hier von einer Verhaltenssucht, bei der keine äußeren Substanzen wie Alkohol oder Drogen zum Einsatz kommen. Der Abhängige jagt einem Belohnungsreiz hinterher. Eltern von spielsüchtigen Kindern wissen, wovon ich rede. Es geht um den Endorphinrausch im Gehirn, der beispielsweise auch beim Zocken ausgelöst wird. Eine Sexsucht liegt dann vor, wenn Sexualität und Pornografie einen sehr großen Raum im Kopf einnehmen. Wenn die Konsumzeiten von Pornografie sprunghaft steigen, ich vielleicht in Missbrauchsmaterial abrutsche und mich damit strafbar mache. Wenn bei der Partnerwahl die Quantität über die Qualität geht. Wenn ich das Gefühl habe, alles selbst ausagieren zu müssen und dabei die Kontrolle verliere. Generell erkennt man bei Sexsüchtigen eine hohe Risikobereitschaft bei gleichzeitiger Selbstschädigung.

Wer holt sich in Ihrer Praxis Hilfe?

Die Leute kommen aus verschiedenen Gründen: Wenn der Partner oder die Partnerin die Beziehung aufgekündigt hat, wenn sie ihre Arbeit oder das Studium nicht mehr auf die Reihe kriegen, weil sie so viel Zeit in ihre Sucht investieren. Ich habe derzeit einen Klienten, der wöchentlich bis zu 40 Stunden Pornos konsumiert. Das entspricht einem Vollzeitjob. Oder die Leute kommen, weil sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, weil sie Missbrauchsmaterial anschauen. Oder wenn die Abhängigen so viel Geld für ihre Sucht ausgeben, dass ihre Existenz gefährdet ist. Da werden durchaus fünfstellige Summen für Cam Sex, also Live-Online-Sex, ausgegeben. Es ist wie bei allen anderen Süchten auch: ein Teufelskreis aus Zwang und Schuldgefühlen.

Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?

Im Netz kursiert die oft kopierte Angabe von einer halben Million. Aber wer Zahlen nennt, ist unseriös. Sex- und Pornosucht sind enorm tabubehaftet. Da gibt es ein großes Dunkelfeld. Dazu kommt: Bei übermäßigem Konsum von Alkohol, Drogen oder Nikotin sehen Sie irgendwann die Auswirkungen, dem Sexsüchtigen sehen Sie seine Abhängigkeit nicht an. Die Klientel meiner Praxis reicht von Vorstandsvorsitzenden über Schauspieler bis hin zu Spitzensportlern – Leute, bei denen man eine Sexsucht nicht vermuten würde.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern?

Aus meiner Erfahrung sind es mehr Männer als Frauen, die betroffen sind. Aber grundsätzlich gibt es die Sexsucht bei beiden Geschlechtern. Frauen sind oft „Love addicted“, das heißt, dass ich dem Gefühl, verliebt und begehrt zu sein, permanent hinterherrennen muss. Dabei gehen sie aber irgendwann gar keine ernsthafte emotionale Bindung mehr ein, sondern bleiben am Kick der Verliebtheit hängen.

Wie gehen Sie bei der Therapie vor?

Ich arbeite mit verschiedenen Modulen. Eines ist die Hypnotherapie, bei der wir alte Verletzungen aufdecken und heilen. Dann geht es um den Abbau von Scham, das offene und nicht bewertende Gespräch. Wie bei der Schuldnerberatung ist es wichtig, das Problem zu erkennen und es klar zu benennen. Ich suche mit meinen Klienten nach den Triggern, die ihre Sucht auslösen. Dazu gehört auch, ihnen die gestörten Stoffwechselvorgänge im Gehirn zu erklären. Und natürlich finden auch viele Betroffene in den Selbsthilfegruppen Unterstützung, die es mittlerweile gibt – auch hier in München.

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