War dieser „Tatort“ zu politisch?

von Redaktion

Stuttgarter Terror-Krimi spielt mit Aussagen von Merz & Co. und spaltet die Gemüter

Heftige Szenen zeigte der „Tatort“, in dem die Geiselnehmer (Christoph Franken, Anna Schimrigk) selbst zu Schaden kamen. © SWR

Zwei Sätze fielen in dem brillanten „Tatort“ aus Stuttgart am Sonntag, die seitdem für Diskussionen sorgen. „Kleine Paschas“, „Wir müssen uns die Demokratie zurückholen“ – dass die verblendete Terroristin im Krimi diese Worte wählt und dann Unschuldige ermordet, bewerten manche Zuschauer als politische Beeinflussung des Publikums, noch dazu kurz vor der Bundestagswahl. Die vorwurfsvolle Frage: Warum nutzten die Drehbuchautoren Rudi Gaul und Katharina Adler Zitate von Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger – und brachten sie damit in die Nähe dieser Terroristin? Anruf bei Rudi Gaul, der auch Regie geführt hat. Seine klare Antwort auf die Kritik: „Im Film wurde in keiner Weise auf eine politische Partei oder eine reale Person aus der Politik Bezug genommen. Zitate wie das um die ,kleinen Paschas‘ und den Aufruf, man müsse sich die Demokratie zurückholen, sind inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.“ Was noch wichtiger sei: „Sie stammen ursprünglich auch nicht von Friedrich Merz oder Hubert Aiwanger, sondern kursierten unter Verschwörungstheoretikern und in rechtsextremen Kreisen schon, ehe die zwei sie öffentlich nutzten. Genau das wurde ihnen ja zum Vorwurf gemacht: dass sie rechtsextremes Wording übernehmen.“ Das sei keine Erfindung des „Tatort“.

Gaul und sein Team ergreifen zwar Partei gegen extremistische Ideologien. Aber auch der rechtspopulistische Politiker ist im Film Geisel der Terroristin und wird als Mensch unter Menschen dargestellt: „Er ist Arzt und kümmert sich. Doch auch er hat seine Überzeugungen – wie wir alle. Unser fiktionaler Film sollte die Frage stellen, wie man selbst in einer solchen Extremsituation handeln würde. Würde ich die Würde des Menschen wahren? Wäre ich bereit, für meine Werte einzustehen oder nicht?“

Indem sie versucht hätten, nicht nur rechtsextreme Ideologien darzustellen, sondern auch das Verschwörungspotenzial mancher linksextremer Narrative, solle deutlich werden, dass jede Ideologie gefährlich sei. „Die Kommissare unterhalten sich ja darüber, dass sie früher selbst auf linken Demos waren.“ Welche Parolen man ruft, welche Worte man nutzt – Gaul freut sich, wenn der Film anrege, die Macht der Sprache zu hinterfragen.

Dass nun die Neuwahl des Bundestags ansteht, sei nicht vorherzusehen gewesen. Vor zwei Jahren hatten er und Adler mit dem Schreiben des Buches begonnen – „damals war die Krise der Ampel noch weit weg“. Tatsächlich werden die Sendetermine viele Monate im Voraus gesetzt.

Rudi Gaul freut sich jetzt über eine starke Quote von 9,19 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 32,9 Prozent) – und darüber, zu einer Diskussion angeregt zu haben. „Das ist, was Film kann: etwas im Publikum zu bewegen, Gespräche ins Rollen zu bringen. Wenn uns das gelungen ist, bin ich sehr froh.“
KATJA KRAFT

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