Dany Dattel erinnert sich an seine Deportation. © WDR
„Die Ermittlung“ – im Gerichtsdrama (Arte, ARD, Sky) spielt Tom Wlaschiha einen Häftlingsarzt. © Hans Joachim Pfeiffer
Ein verstörendes Bild bot sich den Soldaten der sowjetischen Armee am 27. Januar 1945 in Auschwitz-Birkenau: Mehr als 7000 ausgehungerte Überlebende des Konzentrationslagers streckten ihnen die Hände entgegen – darunter auch viele Kinder. Ein Ort des Grauens, an dem über eine Million Menschen von den Nazis gedemütigt, gequält und ermordet wurden, vor allem Juden, aber auch Sinti, Roma, Homosexuelle und Kriegsgefangene. Es war das größte Vernichtungslager des NS-Staates. Wenn am kommenden Montag dutzende Staats- und Regierungschefs nach Polen pilgern, um „80 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz“ zu würdigen, dann werden es die Überlebenden sein, die beim ARD-Festakt um 15.55 Uhr das Wort führen.
Es geht ums Erinnern, ums Wachbleiben. Denn die Zahl der Zeitzeugen schrumpft kontinuierlich und die Sender wollen bereits in dieser Woche mit einem umfangreichen Programm ihren Beitrag gegen das Vergessen leisten. Denn spätestens seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist der Antisemitismus massiv auf dem Vormarsch. Der Film „Judenhass in Deutschland – 80 Jahre nach Auschwitz“ begleitet Jüdinnen und Juden im Alltag und ist ab heute 12 Uhr in der ZDF-Mediathek abrufbar. Schon jetzt gibt es hier auch das sehenswerte Interviewprojekt des ZDF und der Claims Conference „Zeugnisse – Interviews mit Holocaust-Überlebenden“. Unter den porträtierten Zeitzeugen: Margot Friedländer, die in „Acht Gespräche und ein Ausflug“ ihre persönliche Lebensgeschichte erzählt.
In der ARD-Mediathek erinnert sich Autor Adrian Oeser in „War mein Uropa Nazi?“ an die NS-Vergangenheit seines Urgroßvaters und wagt einen Blick auf die sonst so oft verschwiegene Familienbiografie. Auch die ZDF-Dokumentation „Der Nazi in meiner Familie“ aus der Reihe „37 Grad“ begibt auf der Seite der Täter auf Spurensuche. Enkel und Urenkel forschen nach denen, die Schuld auf sich geladen haben (abrufbar in der Mediathek ab diesem Freitag).
Am 27. Januar, dem eigentlichen Jahrestag, zeigt die ARD um 22.50 Uhr die Doku „Verfolgt – Die sieben Leben des Dany Dattel“. Dattel, ein Überlebender von Auschwitz, wurde später zur Schlüsselfigur in der größten Bankenpleite im Nachkriegsdeutschland. Im Film berichtet er über seine Deportation als Kind, das Leben im Lager und seine spätere Mitverantwortung am Konkurs der Kölner Herstatt-Bank.
Monumentales Kernstück dieses geschichtsträchtigen Tages wird das Kinodrama „Die Ermittlung“, das im Sommer vergangenen Jahres Premiere auf dem Münchner Filmfest feierte. Das vierstündige Werk basiert auf dem ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess und versammelt einen Richter, einen Verteidiger, einen Staatsanwalt und 39 Angeklagte in einem Saal. Mörder oder Befehlsempfänger? Täter oder Mitläufer? Das verhandelt das Gerichtsdrama, das nach dem Theaterstück von Peter Weiss entstanden ist. Während Arte die Kinofassung von Regisseur RP Kahl zeigt, stellt die ARD das Oratorium in elf Gesängen als Serie in die Mediathek. „Mir ist klar, dass sich unser Sehverhalten sehr verändert hat“, so Kahl im Gespräch mit unserer Zeitung. „Deshalb bin ich dankbar für die unterschiedlichen Ausspielwege, weil sie die Chance erhöhen, dass möglichst viele Menschen ,Die Ermittlung‘ sehen.“ Gerade im Schulunterricht ließen sich die einzelnen Episoden gut diskutieren.
Auch für Sky-Kunden steht „Die Ermittlung“ sowohl als Film als auch als Serie zur Verfügung. Der Münchner Bezahlsender ergänzt sein Programm um den oscarprämierten Film „The Zone of Interest“, der den Alltag des Lagerkommandanten Rudolf Höß schildert, und die gefeierte internationale Reihe „The Tattooist of Auschwitz“.
Das Angebot an Dokumentationen, Interviews, aber auch fiktionalen Filmen zum Holocaust-Gedenktag ist umfangreich und dank der Mediatheken von Dauer. Erinnerungsarbeit, das zeigen die vielen unterschiedlichen Beiträge, ist nichts Statisches. Sie muss sich immer wieder neu erfinden, um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden zu erobern. „Noch wichtiger aber ist, dass wir begreifen, wie sehr die Geschichte in die Gegenwart strahlt“, sagt Regisseur RP Kahl. „Wenn eine Gesellschaft gemeinsam an der falschen Ecke abbiegt, ist das brandgefährlich.“
ASTRID KISTNER