„Ich habe diesen Beruf ergriffen, um immer wieder Neues auszuprobieren“: Karin Hanczewski (43) hat mit dem „Tatort“ aufgehört. © Jeanne Degraa
Schon vor fast zwei Jahren hatte Karin Hanczewski ihren „Tatort“-Ausstieg angekündigt, nun ist es so weit – „Herz der Dunkelheit“, zu sehen an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten, ist der letzte Einsatz der 43-Jährigen als Mitglied des Dresdner Ermittlertrios. In dem Krimi von Claudia Garde endet eine wilde private Party im Desaster. Einer der jungen Teilnehmer läuft draußen vor ein Auto, ein anderer verschwindet spurlos. Und die anderen wollen von alledem nichts mitbekommen haben. Hanczewskis Kommissarin Gorniak ist in einem Gewissenskonflikt, denn mit dem Vater (Hannes Wegener) einer der Jugendlichen hatte sie die Nacht verbracht. Sie beginnt, auch privat zu ermitteln.
Gorniaks Freund ist zugleich der Vater einer Tatverdächtigen. Können Sie nachvollziehen, dass er seine Tochter mit allen Mitteln zu schützen versucht, auch wenn er schnell ahnt, dass der Tatverdacht zu Recht besteht?
Ich kann gut nachvollziehen, dass das die erste Reaktion ist. Er will seine Tochter schützen, obwohl er sich eigentlich bemühen müsste, die Wahrheit zu erfahren.
Er verhält sich falsch?
Wie verhält man sich in einer solchen Situation „richtig“? Der Impuls, das eigene Kind zu schützen, ist nur allzu menschlich. Aber wenn Eltern die Wahrheit nicht akzeptieren und sich vor ihr Kind stellen im Wissen, dass es eine Straftat begangen hat – wie soll es dann zwischen richtig und falsch unterscheiden lernen? In der Konsequenz wächst es vielleicht mit der Vorstellung auf, dass Gewalt akzeptabel ist.
Die Dreharbeiten für „Herz der Dunkelheit“ liegen schon länger zurück…
Eineinhalb Jahre!
Können Sie sich noch an Ihren letzten Drehtag erinnern?
Ja, das war natürlich emotional. Wenn man weiß, dass das jetzt wirklich die letzte Klappe ist, der letzte Satz, den man als Karin Gorniak spricht. Ich war ja seit unserer ersten Folge dabei. Wir haben uns miteinander entwickelt, sind gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen, haben uns kennengelernt und auch viele schöne Momente zusammen erlebt. Es war ein sehr herzlicher Abschied. Als ich am Ende ins Maskenmobil kam, war es über und über geschmückt mit Fotos von den Dreharbeiten aus neun Jahren.
Sie haben gesagt, Sie seien durch Höhen und Tiefen miteinander gegangen – welche Tiefen?
Nicht im Verhältnis zu Cornelia Gröschel und Martin Brambach. Unsere Zusammenarbeit war immer auf Augenhöhe, ich konnte mich jederzeit auf die beiden verlassen. Ich weiß, dass Journalistinnen und Journalisten gerne hören wollen, dass da auch mal die Fetzen geflogen sind. Das war aber nicht der Fall.
Tiefen dann also eher im Verhältnis zu Autoren und Regisseuren?
Wenn es bestimmte Dinge gibt, die ich sagen oder tun soll als Figur, dann muss ich natürlich verstehen, warum sich Karin Gorniak so verhält, wie sie sich verhält. Nicht immer ist man da einer Meinung. Und dann muss man Kompromisse finden, mit denen alle Seiten leben können.
Sie haben bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass Sie auch deshalb mit dem „Tatort“ aufhören wollen, um Neues zu wagen. Ist Ihr Plan denn aufgegangen?
Ja, ich habe Glück gehabt. Es braucht aber auch Geduld. Ich habe erst vor wenigen Tagen eine Serie, in der ich eine der Hauptrollen spiele, für einen Streamer abgedreht. Ich darf leider noch nichts inhaltlich darüber sagen. Aber es war eine intensive und schöne Arbeit, und ich bin gespannt auf das Ergebnis.
Gab es Momente, in denen Sie Ihre Entscheidung, auszusteigen, bereut haben und sie am liebsten rückgängig gemacht hätten?
Nein, das nicht, aber es gab natürlich Nächte, in denen ich mit pochendem Herzen wach lag und nicht wusste, ob das, was ich mir wünsche, auch in Erfüllung geht. Aber meine berufliche Laufbahn ist von Anfang an davon geprägt, dass ich mich von vorhandenen Sicherheiten löse, um mich weiterzuentwickeln. Meine Erfahrung ist, dass man Ängste überwinden kann, aber dazu braucht es Mut. Natürlich gibt so eine „Tatort“-Rolle Sicherheit auf allen Ebenen.
Dann sind Sie mutiger als andere, wenn ich so an die „Tatort“-Familie denke. Da gibt es doch einige, die keine Ambitionen mehr haben, noch einmal etwas anderes zu machen.
Das ist legitim. Ich habe diesen Beruf ergriffen, um immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Und ich bin glücklich damit. Wenn man bedenkt, was Karin Gorniak erlebt hat! Wie oft kann ein Mensch selbst Opfer werden, in Lebensgefahr geraten, ohne innerlich zu zerbrechen? Danach immer wieder weiterzumachen, ist ja fast unmenschlich. Für mich ist es aus Gorniaks Perspektive nachvollziehbar, irgendwann die Reißleine zu ziehen und sich dem Leben auf andere Weise zuzuwenden. Und zu schauen, was es noch so gibt.
Als Karin Gorniak sagen Sie am Ende, dass Sie mal eine Pause brauchen. Rückkehr nicht ausgeschlossen?
Das kann man so auslegen, aber da ist nichts besprochen. Dass Karin Gorniak irgendwann mal für einen Fall zurückkommt, wenn das für die Geschichte und alle Beteiligten Sinn ergibt, kann ich mir vorstellen. Aber jetzt ist es wirklich ein Abschied, das Team muss sich erst einmal neu finden.