Von 2018 bis 2023 moderierte Kottmann die Gesprächssendung „alpha-demokratie“ bei ARD alpha. © BR
Der hohe Tisch ist kein Problem. Die Sitzfläche ihres Spezialrollstuhls kann Mirjam Kottmann „nach oben“ fahren. © Johannsen/BR
Am Anfang gab es vor allem technische Fragen. „Wie willst du sitzend hinter dem hohen Tisch hervorschauen?“, wollten die Leute wissen. Für Mirjam Kottmann war das schon damals kein Problem. „Das ist doch kein Hexenwerk, es gibt immer technische Lösungen!“, lautete stets ihre Antwort. Und die 50-Jährige hatte natürlich Recht. Damit sie „BR24“, die Nachrichtensendung des BR Fernsehen, moderieren kann, bekam sie einen Spezialrollstuhl, dessen Sitzfläche sie ohne Hilfe nach oben fahren kann. „So komme ich ungefähr auf 1,75 Meter Augenhöhe“, erzählte sie seinerzeit.
Ziemlich genau ein Jahr liegt das zurück. In der Faschingswoche 2024 hatte Kottmann, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München Journalismus studiert hat, dann tatsächlich ihren ersten Auftritt vor der Kamera von „BR24“. Und die Fragen von damals („Wie soll das bitte gehen?“) – sie sind längst vergessen. Nicht nur das, sie wurden ersetzt durch eine regelrechte Flut von Zuschauerpost, die Mirjam Kottmann gerade nach ihren ersten Sendungen bekam und die bis heute ausschließlich positiv ist. „Die Reaktionen haben mich überwältigt“, sagt Kottmann. „Die meisten schreiben, wie toll sie es finden, dass es beim BR eine Moderatorin im Rollstuhl gibt. Ich musste mir Autogrammkarten bestellen – kann man sich das vorstellen?“ Es habe – durchaus entgegen ihrer Erwartung – nicht eine einzige Karte, nicht eine Mail gegeben, die „irgendwie blöd“ gewesen wäre.
Besonders berührt hat Mirjam Kottmann, die schon seit 1997 für den Bayerischen Rundfunk arbeitet (unter anderem war sie als Reporterin im In- und Ausland unterwegs), die Zuschrift eines 15-jährigen Mädchens, das sich bei ihr bedankte für „diesen Moment der Hoffnung“, den Kottmann ihr gegeben habe. „Mein Rollstuhl muss kein Hindernis sein“, habe die Jugendliche geschrieben. „Das hat mich tief bewegt“, so die gebürtige Münchnerin, die aufgrund einer Multiplen Sklerose seit 2012 auf den Rollstuhl angewiesen ist.
Als Krönung ihres fantastischen ersten Jahres als Moderatorin von „BR24“ gab es sogar noch einen sehr renommierten Preis: Beim Medienfestival Prix Europa wurde Mirjam Kottmann die Auszeichnung „European Journalist of the Year 2024“ verliehen, als „Europas Journalistin des Jahres“, eine große Ehre. „Ich spüre meine Beine ja eigentlich nicht“, sagt sie, die mit dem Journalisten Peter Sydow verheiratet ist und einen Sohn hat. „Aber in dem Moment, als ich davon hörte, sind meine Knie wirklich weich geworden.“
STEFANIE THYSSEN