Der will doch nur spielen

von Redaktion

Arte zeigt Drama „Familienfest“ und sehenswertes Porträt über Lars Eidinger

Ein Mann, viele Gesichter: Lars Eidinger begeistert das Publikum mit seiner starken Bühnenpräsenz. © Klara Leschanz/Arte/BR

Auf die Schuhe kommt es an. Ihre Beschaffenheit, die Höhe des Absatzes. Sind es feine Slipper oder ausgetretene Arbeiterstiefel? „Ich könnte niemals in meinen eigenen Schuhen den Hamlet spielen“, sagt Lars Eidinger. Erst das richtige Schuhwerk verbinde ihn mit seiner Rolle. Der Berliner Schauspieler ist 49 und einer der ganz Großen. Was ihn antreibt, berührt und so besonders macht, erzählt das knapp einstündige faszinierende Porträt „Sein oder nicht Sein“, das Arte heute um 21.45 Uhr ausstrahlt. Filmemacher Reiner Holzemer hat Lars Eidinger bei Proben auf der Bühne, bei Dreharbeiten und im Alltag begleitet.

Eine Kostprobe seines Talents gibt es vorab, um 20.15 Uhr, auf Arte. Im glänzenden Psychodrama „Familienfest“ von 2014 spielt Eidinger den jungen Journalisten Max Westhoff, der zum 70. Geburtstag seines Vaters Hannes eine Rede halten soll. Es wird eine schonungslose Abrechnung mit dem Egozentriker, an dessen Ende der Sohn ohnmächtig zusammenbricht. Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May und Barnaby Metschurat sind nur einige der Schauspieler, die einander in diesem Ensemblefilm zu Höchstleistungen beflügeln. Und mittendrin Eidinger – mit dem man lacht und weint. Eigenwillig und verletzlich.

Alle Kreativität rühre aus dem spielerischen Moment, sagt er in der Doku, die seine Arbeitsweise beschreibt. „Ich nehme alles aus dem Partner oder dem Gegenüber. Ich kann gar nichts für mich allein zu Hause ausprobieren, das funktioniert nicht.“ Als Teenager ist Eidinger vom Tennis besessen, will gewinnen, ist bereit, sich zu quälen. Er sucht nach einem Weg, er selbst zu sein, sich auszudrücken, und landet im Theater. „Auf der Bühne bin ich mehr ich selbst als im Alltag. Da erreiche ich einen Grad an Emotionalität, der mir im echten Leben verstellt ist“, sagt der Vater einer Tochter, der sein Privatleben streng hütet.

Seine körperliche Spielweise und Improvisationslust begeistern das Publikum. Seine intensive Präsenz beschert ihm 2021 die Rolle des Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Eine Rolle, die bisher fast nur Österreichern vorbehalten war. Filmemacher Holzemer ist bei den Proben dabei. Ein stiller Beobachter, den Eidinger völlig zu vergessen scheint, wenn er spielt und sich ausprobiert. Auch sein Hamlet an der Berliner Schaubühne – seit 2008 immer ausverkauft – ist legendär.

Doch trotz der Erfolge polarisiert Lars Eidinger. Im Rampenlicht ein Selbstdarsteller, selbstverliebt und extrovertiert. Ein DJ, der gern mal seinen nackten Hintern präsentiert und provoziert. „Sein oder nicht Sein“ zeigt ein ganz anderes Bild. Der Film zeigt einen Schauspieler, der mit jeder Faser für das, was er macht, brennt. „Man weiß nie, was er als Nächstes macht. Diese Unberechenbarkeit hat eine hohe Faszination“, sagt Kollegin Isabelle Huppert in der Doku. Ob er sich im Spiel verliert oder findet – das weiß vermutlich nur er selbst.
ASTRID KISTNER

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