Kriminaloberrätin Barbara Kramer (Nina Kunzendorf, vorne) beschwört ihr Team, auf jedes Detail zu achten. © Luis Zeno Kuhn /SWR
Zwei Morde an jungen Frauen innerhalb von drei Wochen. 2016 erschütterten die Gewaltverbrechen die südbadische Idylle rund um Freiburg und stellten die ermittelnden Beamten vor die Frage, ob es sich um einen Serientäter handelt. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Basierend auf dem Sachbuch „Soko Erle“ schildert die neue fiktionale Miniserie „Spuren“ die akribische Recherchearbeit der Polizei. „Nichts ist zu klein, um nicht gedacht zu werden“, schwört Kriminaloberrätin Barbara Kramer, glänzend gespielt von Nina Kunzendorf, ihr Team ein. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der vierteiligen Reihe, die das Erste an diesem Samstag um 20.15 Uhr zeigt. Ob sich das Einschalten lohnt, lesen Sie hier.
Darum geht‘s: Sie wollte nur eine Runde joggen gehen, doch Stefanie Berghoff kehrt nicht nach Hause zurück. Als die junge Frau nach einer riesigen Suchaktion schließlich im Wald gefunden wird, ist sie bereits seit 72 Stunden tot. Ermordet. Tatwaffe unbekannt, Täter ebenso. Barbara Kramer und ihr Kollege Thomas Riedle (Nina Kunzendorf und Tilman Strauß) bauen eine 40-köpfige Sonderkommission auf, die den Mordfall lösen soll. Doch schnelle Erfolge bleiben aus, das Heimatdorf des Opfers ist in Aufruhr. Und dann muss sich das Team auch noch mit einem zweiten Mord auseinandersetzen.
So sieht‘s aus: Selten sind Höhen und Tiefen, Erfolge und Rückschläge der Polizeiarbeit so schlüssig und alltagsnah im deutschen Fernsehen zu sehen wie in „Spuren“. Das ist gewöhnungsbedürftig und angesichts des heutigen Sehverhaltens auch mutig. Doch mit seiner sehr authentischen Inszenierung macht Regisseur Stefan Krohmer klar, was eigentlich selbstverständlich ist: Kriminalfälle werden nicht mit atemberaubenden Verfolgungsjagden und Schusswechseln aufgeklärt, sondern mit Fleißarbeit – und einem extrem langen Atem.
So viel Realität steckt drin: Das Sachbuch „Soko Erle“ bildet die Grundlage für die Reihe. Erschienen ist es fernab von Freiburg im bayerischen Hansanord-Verlag. Verleger Thomas Stolze ist stolz, dass ein Buch aus seinem Feldafinger Ein-Mann-Unternehmen verfilmt wurde. „Das ist alles viel größer geworden als gedacht – meine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen“, sagt er im Gespräch mit dem unserer Zeitung. Auch Hauptdarstellerin Nina Kunzendorf hat „Soko Erle“ zur Vorbereitung gelesen, sich aber beim Drehen bewusst distanziert. „Meine Figur gab es in der Realität gar nicht – das fand ich sehr befreiend.“ Mit großer Sensibilität und Respekt sei das Filmteam an den Stoff gegangen. Aus Rücksicht auf die Opferfamilien wurde die Geschichte stark fiktionalisiert und statt in Südbaden im schwäbischen Remstal rund um Weinstadt gedreht.
Das Ensemble: Seit mehr als zehn Jahren lebt Nina Kunzendorf in Berlin, aufgewachsen ist sie in Mannheim. Und auch in der Serie spielt sie eine Beamtin, die den Südwesten Deutschlands Richtung Hauptstadt verließ und nun zurückkehrt. „Schwäbisch kann ich auch, weil meine Mama Schwäbin ist“, sagt die 53-Jährige. „Aber wir haben uns dagegen entschieden. Nun ist Barbara Kramer ja auch tatsächlich eine Figur, die lange weg war, in Berlin. Und ein bisschen sollte sie auch ein Fremdkörper sein.“ Dafür dürfen einige Kollegen, wie ihr wunderbarer Ermittlungspartner Tilman Strauß, um sie herum schwäbeln, was einen großen Teil der Authentizität ausmacht. Für Münchner Theaterfans gibt es noch ein paar Überraschungen: Liliane Amuat, die im Ensemble des Residenztheaters ist, spielt die Staatsanwältin Ronja Irlinger. Katja Bürkle, viele Jahre an den Kammerspielen, überzeugt als Rechtsmedizinerin.
Warum sich das Einschalten lohnt:
Nach dem Motto „so realistisch wie möglich, so fiktional wie nötig“ gelingt mit „Spuren“ eine Miniserie, die aus dem üblichen Krimi-Allerlei heraussticht. Keine Egotrips der Ermittler, dafür eine klar nachvollziehbare Kriminalistik mit erfrischend glaubwürdigen Charakteren und einem durchweg überzeugenden Ensemble. Es erfordert auch vom TV-Publikum ein wenig Geduld, sich auf das Erzähltempo einzulassen. Doch Dranbleiben lohnt sich – dieses schnörkellose, vielteilige Puzzlespiel entwickelt einen erstaunlichen Reiz.
ASTRID KISTNER
„Spuren“
Samstag um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.