Fürs Leben: Tilda Swinton. © Soeder, Riedl, Stache (alle dpa)
Für die Demokratie: Aktivistin Luisa Neubauer.
Für die Geiseln: Christian Berkel und Andrea Sawatzki.
Die Zutaten einer Berlinale-Eröffnung sind in jedem Jahr mehr oder weniger dieselben: ein paar politische Bekundungen auf dem roten Teppich, gefolgt von feierlichen Ansprachen über die Krisenherde der Welt und die wichtige Rolle des Kinos darin. In diesem Jahr war alles ein bisschen anders. Zum einen natürlich, weil es der erste Festival-Jahrgang unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle ist, zum anderen, weil der Skandal um die Preisverleihung im vergangenen Jahr mit ihren als zu einseitig empfundenen Palästina-Solidaritätsbekundungen noch immer seinen Schatten wirft. Und zum dritten, weil es an diesem Abend in Berlin so viel Schnee gibt, dass sich Publikum, Stars und angereiste Polit-Prominenz wie in eine Wintermärchenwelt versetzt sehen.
Eventuell erwartete Eklats blieben an diesem Abend am Potsdamer Platz erst mal aus. Auf dem roten Teppich enthüllten die Schauspielerinnen Anna Thalbach und Meret Becker einen Schal mit der Aufschrift „Humanity for all“. Die Kollegen Christian Berkel, Andrea Sawatzki, Martina Gedeck und Ulrich Matthes ließen sich unter anderen mit der neuen Festival-Leiterin Tuttle dabei fotografieren, wie sie Fotos hochhalten, die die Freilassung der Hamas-Geisel David Cunio fordern. Cunio war vor über zehn Jahren als Schauspieler Berlinale-Gast gewesen und beim Terrorangriff der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 entführt worden. Dass im Kontext der letztjährigen Solidaritätserklärungen niemand auf sein Schicksal einging, war stark kritisiert worden. Nun gibt es einen Film über ihn zu sehen: „A Letter to David“ von Tom Shoval, der Cunio in seinem Film „Youth“ von 2013 besetzt hatte.
Das meiste Aufsehen vor dem Berlinale-Palast erregte allerdings Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, die ein bodenlanges weißes Satinkleid trug, auf dessen Rückseite „Democracy dies in Daylight“ stand, und auf der Vorderseite die Vornamen Donald & Elon & Alice in schwarzen Lettern, darunter in grauen Friedrich, mit Fragezeichen.
Feierlich und ernst wie selten geriet auch die Verleihung des Ehrenbären für ihr Lebenswerk an Tilda Swinton. Edward Berger, derzeit der deutsche Regisseur mit dem größten internationalen Erfolg („Konklave“, „Im Westen nichts Neues“), hielt die Laudatio, Bereits seit 1986 sei Swinton mit 26 Filmen mit der Berlinale verbunden. Die 64 Jahre alte Ausnahme-Schauspielerin bedankte sich mit einer poetischen und gleichzeitig politischen Rede.
„Für humane Solidarität zu sein, bedeutet, für humane Solidarität mit allen Menschen zu sein“, betonte Swinton. Gleichzeitig beschwor sie das Kino als „von Natur aus inklusiv“ und „immun gegen Bestrebungen der Besetzung, der Kolonisierung, der Übernahme, des Besitzes oder der Entwicklung von Riviera-Eigentum“ – eine Spitze gegen US-Präsident Donald Trump.
BARBARA SCHWEIZERHOF