Fokus auf die Tour: Italiens Popstar Olly. © Alpozzi/dpa
Gehört zum Favoritenkreis – jedenfalls, wenn es nach Bekanntheit und Youtube-Klicks geht: die fränkische Metal-Band Feuerschwanz. © Weber/RTL/Raab Entertainment
In Sachen Politik hat Deutschland gestern gewählt. Bei der Musik ist es nächsten Samstag so weit. Dann steigt um 20.15 Uhr im Ersten das Finale von „Chefsache ESC 2025“. Nach der dritten Ausgabe des Stefan-Raab-Wettsingens auf RTL stehen jetzt die neun Acts mit den Titeln fest, mit denen sie für Deutschland zum Eurovision Song Contest am 17. Mai nach Basel wollen. Mittlerweile weiß auch ESC-„Chef“ Raab, wie schwer ein zweites Wunder à la Lena wird. Denn die Qualität des Halbfinales war so überschaubar wie die Quote mit 1,81 Millionen Zuschauern. Wenn tatsächlich die fränkischen Mittelalter-Haudegen Feuerschwanz das Ticket lösen, droht ein zweiter Hardrock-Flop nach dem letzten Platz von Lord of the Lost 2023.
Wie ernüchtert ist Stefan Raab? Der Lena-Entdecker klang am Samstag reichlich desillusioniert. Denn selbst talentierte Künstlerinnen und Künstler wie Sängerin Cage aus Köln oder Beatles-Nerd Benjamin Braatz aus Hagen haben es nicht geschafft, eingängige Songs zu schreiben, die Europa begeistern könnten. Die Idee, dass die Teilnehmer ihre potenziellen ESC-Titel weitgehend selbst verfassen, hat nicht funktioniert – Lenas „Satellite“ wurde 2010 ja auch teuer eingekauft. „Der Song spielt schon auch eine sehr, sehr wichtige Rolle“, haderte Raab am Samstag. Er denkt bereits an 2026: „Ich hoffe, dass wir so was in der Form nächstes Jahr wieder machen können.“
Wer ist jetzt Favorit? Wenn es nach Bekanntheit und Youtube-Klicks geht, liegen Feuerschwanz klar vorne. Denn im Finale zählt nur noch die Meinung des Publikums, die Jury ist raus. Die Mittelalter-Franken legten mit dem Ritter-Lied „Knightclub“ einen soliden Auftritt hin. Motto sozusagen: Met statt Mut, Ritter statt Retter Raab. Warum Europa plötzlich auf angestaubten Metal-Schlager in kuriosen Verkleidungen stehen soll, bleibt ein Rätsel. Und so lustig und eingängig wie Lordi bei ihrem Sieg 2006 sind Feuerschwanz definitiv nicht. „Ich muss mir das noch mal reinhören“, urteilte Jurorin Yvonne Catterfeld sehr zurückhaltend. Mittlerweile weiß auch Raab, dass es keine gute Strategie war, im Finale nur noch die Zuschauer entscheiden zu lassen. Er fürchtet wohl auch die Feuerschwanz-Stimmen. „Die Leute lassen sich von ihrem persönlichen Geschmack leiten“, hadert er – und nicht davon, wie Europa werten könnte.
Gibt es keine Erfolg versprechenden Kandidaten? Doch! Die Frage ist nur, ob sie am Samstag gewählt werden. Fan-Favorit bei „ESC kompakt“ ist das Wiener Geschwister-Duo Abor & Tynna, das mit „Baller“ den witzigsten, eingängigsten und modernsten Song liefert. Top sind auch die deutsch-englischen Indiepopper The Great Leslie mit „These Days“, der glamouröse Berliner Moss Kena mit „Nothing can stop Love“, die Münchner Band Cosby mit „I’m still here“ – und vor allem die junge Berlinerin Lyza. Sie hat eineinhalb Millionen Follower auf Tiktok und tritt mit der sehr hübschen Countrypop-Nummer „Lovers on Mars“ auf den Spuren von Taylor Swift an. Lyza könnte einen Social-Media-Hype auslösen – wenn sie denn gewählt wird. Nach dem bisherigen Eindruck der englischen Wettbüros liegt Deutschland im Mittelfeld auf Platz 13. Nach Raab-Wunder klingt das noch nicht.
JÖRG HEINRICH
Sendehinweis
Das Finale von „Chefsache ESC“ läuft am kommenden Samstag um 20.15 Uhr im Ersten.