Raab bringt seine Favoriten durch

von Redaktion

Trickserei? Ösi-Duo gewinnt ESC-Vorentscheid – Publikumslieblinge raus

Hat gut lachen: Stefan Raab zog die Strippen. © Balk/dpa

Glitzer für die Gewinner: Abor & Tynna, ein Geschwisterpaar aus Österreich, setzte sich erst bei der Jury, dann beim Publikum durch. Links: Moderatorin Barbara Schöneberger. © Weber/NDR

Zu viel Demokratie schadet dem Erfolg beim Eurovision Song Contest. Das war die wichtigste Erkenntnis von „Chefsache ESC“. Das Stefan-Raab-Wettsingen ging am Samstag mit 3,68 Millionen Zuschauern bei ARD und One zu Ende, der besten Quote seit elf Jahren. Es gab aber auch Kopfschütteln über ESC-Egomane Raab. Der „Bundesmusikkanzler“, so Barbara Schöneberger, trickste mit seinem „Basta“ die Publikumslieblinge Feuerschwanz aus dem Wettbewerb. Und er sorgte dafür, dass seine Favoriten, das Wiener Duo Abor & Tynna, mit dem hitverdächtigen Elektropopsong „Baller“ am 17. Mai in Basel für Deutschland singt. „Ich würde all mein Geld darauf setzen, dass dieser Song den ESC gewinnt“, verspricht Raab großspurig.

Wie wurde getrickst?

Wochenlang hatten der NDR und RTL angekündigt, dass im Finale die Zuschauer das Sagen haben. Über den Modus hieß es: „Stefan Raab wird die Talente zwar begleiten, aber lediglich das Televoting entscheidet über das finale Ticket in die Schweiz.“ Davon war am Samstag nicht mehr die Rede. Plötzlich gab es ein „Vorfinale“, nach dem die Jury von neun Teilnehmern vier nach Hause schickte. Diese Chance nutzte Raab, um zusammen mit Yvonne Catterfeld, Conchita Wurst und Nico Santos die von ihm ungeliebten fränkischen Mittelalter-Rocker Feuerschwanz auszusieben. Damit war der Weg frei für Abor & Tynna, die mit 34,9 Prozent der Stimmen vor Tiktok-Sternchen Lyza (31,1 Prozent) gewannen.

Schummelte Raab zu Recht?

Die Feuerschwanz-Fans waren sauer, schimpften auf Twitter/X: „Was für eine unglaubliche Verarsche.“ Im Studio gab es nach der Entscheidung „Feuerschwanz“-Sprechchöre. Die Franken selbst hatten wohl schon geahnt, dass Raab sie nicht will. Sie reagierten gelassen: „Die Jury-Götter waren nicht mit uns.“ Raab beteuert, dass alles vorab so geplant war: „Es gab keine Regeländerung.“ Wenn es um den Erfolg in Basel geht, lag er absolut richtig. Hardrock in Verkleidungen war schon 2023 schiefgegangen, als Lord of the Lost in Liverpool Letzter wurden. Und selbst einige Feuerschwanz-Fans sahen auf X ein: „Der Song hätte maximal Platz 15 rausgeholt.“ Wenn ESC-Gott Raab gewinnen will, sind Abor & Tynna die beste Wahl. Trotzdem bleiben die so dubiosen wie intransparenten Regeln ärgerlich.

Wer ist unser ESC-Duo?

Abor & Tynna sind Geschwister aus Wien, die gerade ihr hervorragendes Debütalbum „Bittersüß“ veröffentlicht haben. Daraus stammt der Ohrwurm „Baller“, in dem es darum geht, dass Tynna nach einer Trennung „Löcher in die Nacht ballert“. Ihre Familie stammt aus Ungarn und Rumänien, eigentlich heißen sie Attila und Tünde Bornemisza. Papa Csaba ist Cellist bei den Wiener Philharmonikern. In den Wettbewerb sind sie über ihre deutsche Plattenfirma gekommen. Europa ist jedenfalls angetan von „Baller“, unserem ersten deutschsprachigen Beitrag seit 2007, seit Roger Ciceros „Frauen regier’n die Welt“.

Auf X heißt es: „Endlich trifft Deutschland mal die richtige Entscheidung. Willkommen zurück in den ESC-Top-10.“ Die Wettbüros sind aktuell mit Platz 21 (von 37) noch nicht euphorisch. Aber Attila Bornemisza ist überzeugt: „Wenn der Song nicht gut wäre, hätten wir ihn nicht geschrieben.“ Das klingt fast schon nach Stefan Raab.
JÖRG HEINRICH

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