Ein neuer Blick auf Vietnam

von Redaktion

Arte zeigt Vierteiler über die jüngere Geschichte des südostasiatischen Landes

Sieg: Nordvietnamesische Truppen besetzen am 30. April 1975 Saigon, die Hauptstadt Südvietnams. Das Ende eines Jahrzehnte dauernden, blutigen Konflikts. © Arte

Zumeist beschäftigen sich zeitgeschichtliche Dokumentationen mit Epochen, über die bereits gründlich geforscht wurde. Ganz anders die vierteilige Dokumentation „Vietnam – Geburt einer Nation“, die Arte heute zum 50. Jahrestag des Endes des Vietnamkrieges ausstrahlt. Die Handlungsstränge laden wegen ihrer Komplexität – und weil Fragen offenbleiben – geradezu dazu ein, sie in einem Zug anzuschauen. Sowohl die Entwicklung des Landes von der französischen Kolonialzeit bis zur Kapitulation Südvietnams im Jahr 1975 als auch die gut ausgewählten Zeitzeugen machen neugierig.

Dabei schöpfen die Autoren aus umfangreichem Bildmaterial – von auf den ersten Blick friedlichen Idyllen bis zur Hölle des Krieges. Ausschnitte aus propagandistischen DDR-„Dokus“ und französischen Wochenschauen, die „das treue, vom kolonisatorischen Genie geprägte Land“ preisen, komplettieren den Fundus. Vor allem die dritte Folge zeigt durchaus verstörende Gewaltdarstellungen. Über deren Herkunft hätte man gerne etwas mehr erfahren.

Im Jahr 1945 gehört Vietnam noch zur französischen Kolonie Indochina. Beziehungsweise wurde es, wie die Wochenschau posaunend berichtet, wiedererobert, nachdem die Japaner als Verbündete Deutschlands es im Zweiten Weltkrieg besetzt hatten. Schon damals forderte eine Hungersnot mehr als eine Million Opfer. Die Franzosen hätten das Land durchaus modernisiert, indem sie etwa Eisenbahnen bauten, sagt eine Historikerin. Sie beuteten es aber auch aus, etwa seinen Kautschuk für Autoreifen. Und im Geschichtsunterricht lernten junge Vietnamesen, „dass unsere Vorfahren die Gallier waren“.

Nachdem die Vietminh, deren kommunistischer Führer Ho Chi Minh schon 1945 eine kurzlebige Demokratische Republik ausgerufen hatte, den Franzosen im Jahr 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu eine Niederlage bereitet hatten, kapitulierte die Kolonialmacht. Dass Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg nur Freiwillige und Soldaten aus anderen seiner einst zahlreichen Kolonien entsandt hatte, die dann teils in Vietnam blieben, dass es zum Machterhalt zeitweilig einen lokalen „Kaiser“ installiert hatte, zählt zu wenig bekannten Details dieses Rückblicks.

Bei Friedensverhandlungen in Genf wurde eine Teilung des Landes beschlossen – zwischen dem kommunistischen Norden und dem Süden, der zunehmend der Unterstützung durch die Amerikaner bedurfte. John F. Kennedy „wird noch immer verehrt, hat aber eigentlich alles schlimmer gemacht“, sagt der Historiker Keith Taylor. Ob sich die amerikanischen Soldaten bei aller Waffenstärke einfach „nachts zu laut“ verhielten, wie ein südvietnamesischer Veteran sagt, ob das Narrativ, Südvietnams Regime sei korrupt, von Militärs aus den USA aufgebracht wurde, um von selbstverschuldeten Niederlagen abzulenken – das wird unterschiedlich erzählt.

Die abschließende Folge umfasst die Zeit von 1968, dem für die US-Army blutigsten Jahr, bis in die Gegenwart. Die Zeit, in der das wiedervereinigte Vietnam zu einem der ärmsten Länder der Welt absank, ist überwunden. Mit der Aufhebung des Handelsembargos wuchs in den Neunzigerjahren der Wohlstand. Zugleich sank das Interesse an dem Land. Bitternis klingt in Aussagen der Zeitzeugen an, die teils im weiterhin kommunistischen Ein-Parteien-Staat leben und dort nur „die Version der Sieger“ hören, teils im kalifornischen Little Saigon, in dem oft die alte südvietnamesische Flagge gehisst wird.

Perspektivisch stringent ist all das aus weitgehend vietnamesischer Sicht erzählt. Erst im Verlauf des Krieges, der international die Schlagzeilen beherrscht, weitet sich der Blick, zumeist aber über Emigranten. Die bekannten Proteste in den USA, Paris und Berlin, deren Bilder in vielen Geschichtsdokus gern zu populärer zeitgenössischer Musik eingesetzt werden, spielen praktisch keine Rolle. Auch das trägt dazu bei, dass „Vietnam – Geburt einer Nation“ zu faszinierendem Geschichtsfernsehen wird.
CHRISTIAN BARTELS

Sendehinweis

Arte zeigt die vier Teile mit den Titeln „Unabhängigkeit“, „Teilung“, „Krieg“ und „Wiedervereinigung“ heute ab 20.15 Uhr linear sowie jederzeit in der Mediathek.

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