TV-TIPP

Die jüdische Rache

von Redaktion

„Plan A“ erzählt von geheimen Attentatsplänen Holocaust-Überlebender

Doron und Yoav Paz führten gemeinsam Regie und waren fasziniert von der bislang unbekannten Geschichte. © P. Horlbeck

Szene aus dem Thriller „Plan A“: Max (August Diehl) hat das Konzentrationslager überlebt und sehnt sich nach dem Tod seiner Familie nach Rache. © BR

Stell dir vor, dass deine Familie ermordet wurde, deine Eltern, Schwestern, Brüder – und das ohne Grund. Wohin mit so viel Schmerz, so viel Wut und so viel Trauer? Was würdest du tun? Eine Frage, die der historische Thriller „Plan A“ gleich in der ersten Szene stellt. Der zutiefst berührende Kinofilm von 2021, der ab morgen in der ARD-Mediathek verfügbar ist und am Sonntag um 23.35 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird, erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte aus dem Jahr 1945.

Damals plant eine Gruppe Holocaust-Überlebender, sich zu rächen: nicht nur an SS-Befehlshabern, Kommandanten und Wachleuten, sondern an der deutschen Bevölkerung. Sechs Millionen Juden wurden in der Shoah ermordet, nun sollen sechs Millionen Deutsche sterben – vergiftet durch die Trinkwasserversorgung in Großstädten wie Nürnberg, München, Berlin, Köln und Hamburg. Ein realer Plan, der nur knapp vereitelt wurde.

Lange blieb die Geschichte der jüdischen Partisanen und ihrer tödlichen Mission im Geheimen. „Auch in Israel kennt sie kaum einer“, sagt Geschichtsprofessorin Dina Porat. Die Historikerin forscht viel über zeitgenössischen Antisemitismus und hat ein Buch über die jüdische Rache geschrieben („Nakam“). In der begleitenden Dokumentation „Plan A – die jüdischen Rächer“, die ebenfalls in der Mediathek verfügbar ist, erklärt sie die Idee des Anführers Abba Kovner, dessen Ruf nach Gerechtigkeit eine kleine treue Armee folgte.

Im historischen Thriller spielt August Diehl den Holocaust-Überlebenden Max, der nach Ende des Krieges nach Frau und Kind sucht. Was er findet, sind die Denunzianten, die sein Haus besetzt und seine Familie auf dem Gewissen haben. Heimatlos und getrieben von Wut und Trauer schließt er sich der Jüdischen Brigade an, einer Einheit der britischen Armee, die im Geheimen Nazi-Verbrecher jagt und hinrichtet. Als er die Partisanin Anna (Sylvia Hoeks) kennenlernt, kommt er in Kontakt mit der Gruppe Nakam, die eine deutschlandweite Racheaktion plant: die Vergiftung des Trinkwassers in Großstädten. Der pure Wahnsinn oder ein berechtigter Akt der Vergeltung?

Das israelische Brüderpaar und Regie-Duo Doron und Yoav Paz wagten sich mit „Plan A – Was würdest du tun?“ an ein heikles Sujet. Das Thema Rache wird mit Holocaust-Überlebenden selten in Verbindung gebracht. Dabei ist die Motivation der Attentäter absolut nachvollziehbar: Deutschland ist nach dem Kriegsende mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Die juristische Aufarbeitung des Grauens gestaltet sich mühsam. Und von den bevorstehenden Gerichtsprozessen ist nicht umfassende Gerechtigkeit zu erwarten. Außerdem ist da die Frage nach der Kollektivschuld des deutschen Volkes. Doch lässt sich ein Konto mit Rache ausgleichen?

Der historische Thriller geht dieser Frage mit großer Leidenschaft nach. Er taucht ein in die Partisanengruppe „Nakam“ und zieht seine Spannung nicht allein aus der Frage, ob der Anschlag gelingt oder nicht. Es sind die sorgsam gezeichneten Figuren und ihr Trauma, die diesem Film seine Tiefe schenken.

„Plan A“ ist ein packendes Drama, sorgfältig recherchiert und bemüht darum, historisch korrekt zu bleiben. „Ich fand es wichtig, dass es Israelis sind, die diese Geschichte erzählen“, sagt Hauptdarsteller August Diehl. Doron und Yoav Paz inszenieren mit viel Feingefühl die Frage, die sich durch den Film zieht und die sich am Ende jeder selbst stellen muss: Was würdest du tun?
ASTRID KISTNER

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