Ikonischer Prophet: Luz zeichnete den ersten Titel von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag. © Luz/Charlie Hebdo
Zu Besuch beim Original: Der französische Zeichner Luz vor Otto Muellers Gemälde „Zwei weibliche Halbakte“ im Museum Ludwig in Köln. © Oliver Berg
Das ist die Geschichte zweier Überlebender. Der französische Zeichner Luz erzählt von dem Gemälde „Zwei weibliche Halbakte“, das Otto Mueller (1874-1930) im Jahr 1919 in einem Wald am Rande von Berlin schuf. Um es gleich zu sagen: Luz’ Buch ist die beste Graphic Novel, die bislang heuer in Deutschland erschienen ist.
Ismar Littmann, Anwalt und begeisterter Sammler moderner Kunst, spielt darin eine wichtige Rolle. Denn er kauft 1925 Muellers Werk. Mit der Machtübernahme der Nazis verliert der jüdische Familienvater 1933 seine Zulassung; Repressionen und Entrechtung setzen ihm derart zu, dass er im Jahr darauf den einzigen Ausweg im Suizid sieht. Seine Sammlung soll versteigert werden – die SS konfisziert jedoch Muellers Kunstwerk als „pornografisch“. Es wird in München in der Propaganda-Schau „Entartete Kunst“ gezeigt. Um es dort zusätzlich zu denunzieren, werden die „Zwei weiblichen Halbakte“ auf Kinderhöhe und obendrein schief aufgehängt.
Nach der Befreiung Deutschlands wird das Werk wieder seiner Bedeutung gemäß gewürdigt. Es geht zunächst auf Weltreise, wird schließlich restituiert und hängt heute im Museum Ludwig in Köln. Dort ist Luz der Arbeit zum ersten Mal begegnet.
Der Künstler, der als Rénald Luzier 1972 in Tours geboren wurde, berichtet nun von der Entstehung und davon, was dem Gemälde danach widerfahren ist. Er tut das historisch genau, mit lockerem Strich, mit Aquarellfarben – vor allem aber erzählt Luz konsequent aus der Sicht des Bildes. Seine Leserinnen und Leser nehmen bei der Lektüre den Standpunkt der beiden porträtierten Frauen ein, für die Muellers Lebensgefährtin Maschka Mayerhofer Modell stand. Der Ausschnitt, den Luz in seinen Panels zeigt, ist jener der Kunst. Der Franzose lässt uns auf das Geschehen blicken, als hätte das Werk Augen – und wenn die Nazis die „Zwei weiblichen Halbakte“ in München eben auf Bodenhöhe aufhängen, sehen wir im Buch die Beine der Besucher. Das ist kein dramaturgischer Schnickschnack, sondern funktioniert hervorragend als künstlerischer und erzählerischer Ansatz, der spannend, erhellend und aufregend gut ist.
Es überrascht nicht, zu erfahren, dass sich Luz diesem Gemälde von Otto Mueller besonders verbunden fühlt. Seit 1992 gehörte der Zeichner zur französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“. Als vor zehn Jahren, am 7. Januar 2015, islamistische Terroristen die Redaktion angriffen, elf Menschen ermordeten und weitere verletzten, hatte Luz unglaubliches Glück: Es war sein Geburtstag, deshalb kam er an diesem Tag später zur Arbeit. Im September 2015 verließ der Künstler, der nach dem 7. Januar Interims-Chefredakteur von „Charlie Hebdo” war, das Blatt. Er lebt bis heute unter Polizeischutz.
Wie Otto Muellers „Zwei weibliche Halbakte“ ist auch Luz noch einmal davongekommen.
MICHAEL SCHLEICHER
Luz:
„Zwei weibliche Halbakte“. Reprodukt, Berlin, 192 Seiten;
29 Euro.