INTERVIEW

Ein neuer Blick auf die RAF

von Redaktion

Autor und Regisseur Niki Stein über seinen ARD-Film „Stammheim – Zeit des Terrors“

Psychokrieg: Ulrike Meinhof (Tatiana Nekrasov, li.) und Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg). © Heiden/SWR

Sie zog in den Siebzigern eine Blutspur durch die BRD – die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), hervorgegangen aus den Studentenprotesten von 1968. Vor 50 Jahren, am 21. Mai 1975, begann in Stuttgart der Prozess gegen die Köpfe der ersten RAF-Generation, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Aus Anlass dieses Jubiläums rekonstruiert das Dokudrama „Stammheim – Zeit des Terrors“ (ARD, Montag, 20.15 Uhr, und schon ab Samstag in der Mediathek) die Ereignisse von damals. Regie führte Niki Stein, in den Hauptrollen sind Henning Flüsloh, Tatiana Nekrasov, Lilith Stangenberg und Rafael Stachowiak zu sehen.

Es gibt ja schon einige Filme über diese Zeit…

Ja, einer davon, „Stammheim“ von Volker Hauff, trägt sogar denselben Titel. Er beruht, wie unser Film unter anderem auch, auf den Mitschriften aus dem Prozess, etwa 20 000 Seiten, die Stefan Aust (ehemaliger „Spiegel“-Chef, Autor von Büchern und Dokumentationen über die RAF, Red.) früh vorlagen. Ich fand ihn gut und war gebannt von der da gezeigten Schreierei im Gerichtssaal. Erst viel später, um 2007 herum, sind dann Tonbänder aufgetaucht, auf denen zu hören ist, dass die Stammheimer Terroristen Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe während des Prozesses immer relativ kontrolliert agiert haben, völlig anders als bei Hauff dargestellt. Das hat uns beeinflusst in unserem Blick auf die Figuren so viele Jahre später.

Ihr Dokudrama zeigt, was Hauff nicht zeigt, nämlich das Leben der vier Terroristen in ihren Zellen, kann man das so sagen?

Genau. Mir ist, nach nochmaliger gründlicher Lektüre aller Quellen, klar geworden, dass die vier sich da oben überhaupt nicht einig waren. Das war Psychoterror. Das ging schon mit Holger Meins los, also noch bevor die vier in Stammheim zusammengelegt wurden. Es gibt diesen Satz von Gudrun Ensslin, der auch im Film vorkommt: „Holger, du bestimmst, wann du stirbst!“ Diese Aufforderung, den Hungerstreik durchzuziehen, während sie selbst sich Essen ins Gefängnis haben schleusen lassen durch die Anwälte. Das ist überliefert, das haben wir uns nicht ausgedacht. Diese Perfidie mit dem Ziel, einen Märtyrer zu schaffen, um damit die Sympathisantenszene zu aktivieren! Was am Ende dazu führen sollte, dass man durch die diversen Geiselaktionen aus dem Knast rauskommt.

Waren Sie überrascht insbesondere vom Hass Gudrun Ensslins auf Ulrike Meinhof?

Von der feindseligen Grundstimmung wusste ich, das kam schon in den Kassibern zum Ausdruck, aus denen Aust in seinen Büchern zitiert. Aber Zeugnis davon gibt auch ein Buch von Kurt Oesterle über den leitenden Vollzugsbeamten Horst Bubeck, der auch im Film vorkommt. Hinzu kommt, dass Sie einen anderen Eindruck bekommen, wenn das von guten Schauspielern gespielt wird, wie wir sie hatten. Da bekommt das noch mal eine ganz andere Wucht, da wirkt die Identifikationsmaschine Kino. Ich behaupte mal, dass man den Terroristen bei uns so nahe kommt wie in keinem anderen Film über die RAF.

Hat sich durch die Arbeit am Film Ihr Blick auf die Terroristen verändert?

Ich sag‘s ganz offen: Wenn Sie sich so lange mit Stammheim beschäftigt haben, dann kriegen Sie Zweifel an der Selbstmordtheorie, weil da so viele Zufälle im Spiel sind, dass man das alles nicht glauben mag. Zumindest nicht so, wie es der Untersuchungsausschuss festgestellt hat. Natürlich können wir überhaupt nicht beweisen, dass es anders war. Und suggerieren das auch im Film nicht. Wir deuten allerdings an, dass die vier auch in ihren Zellen abgehört wurden, wofür nach den uns vorliegenden Quellen einiges spricht. Das wäre schlimm genug, denn das wäre dann in Stammheim eine Art begleiteter Selbstmord gewesen, so nach dem Motto: „Reisende soll man nicht aufhalten.“ Aber bitte, alles Mutmaßungen, bis eines Tages alle Akten dazu offen liegen!

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