„POLIZEIRUF“-KRITIK

Sei nicht böse!

von Redaktion

Rostock liefert einen starken Psychokrimi über Gewalt-Gene und Sprachlosigkeit

Stark: Jördis Triebel als alleinerziehende Eva.

Sprachlos: Rose (Emilie Neumeister, li.) will von Melly (Lina Beckmann) wissen, wer ihr Vater ist. © Michael Ihle/NDR

Mal kurz wegnicken auf dem Sofa? Passiert beim „Polizeiruf 110: Böse geboren“ garantiert nicht. Schon in den ersten Filmszenen setzt der Münchner Filmemacher Alexander Dierbach auf einen Schockmoment im winterlichen Wald, der das Tempo für den Sonntagabendkrimi vorgibt. Düster, dramatisch und bisweilen bedrückend ist die Geschichte, die um die Frage kreist, ob Mordlust sich vererbt.

Milan ist ein Einzelgänger. Ein Sonderling, der mit seiner alleinerziehenden Mutter Eva in einem Haus am Waldrand lebt. Der Sohn eines mehrfachen Frauenmörders ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Er malt düstere Bilder, vergräbt totes Wild im Wald und ist gern frühmorgens mit der Flinte unterwegs. So gerät er nach dem Tod einer Tierschützerin ins Visier der Rostocker Ermittlerinnen Melly Böwe (Lina Beckmann) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Der Zuschauende ahnt da schon längst: Wer so viel seelischen Ballast trägt, ist im Krimi selten der Täter. Jördis Triebel und Eloi Christ beleben dieses eigenwillige Mutter-Sohn-Gespann mit großer Stärke. Im Spiel zwischen Angst und Fürsorge, Misstrauen und Liebe finden sie so viele Facetten, dass man über die paar Klischees, die den Autorinnen Catharina Junk und Elke Schuch in der Figurenzeichnung einer benachbarten Försterfamilie unterlaufen sind, hinwegsehen kann.

„Böse geboren“ nutzt sein Potenzial als packender Psychokrimi. Es sind zwischenmenschliche Abgründe, die sich hier auftun und dabei die Frage nach der Existenz eines Verbrecher-Gens stellen. Woher kommt Gewaltbereitschaft? Kann sie über Generationen weitergegeben werden oder entsteht sie aus der Sprach- und Lieblosigkeit, die es zwischen Kindern und Eltern gibt. Wie zäh das Ringen um die richtigen Worte sein kann, beweisen Melly Böwe und ihre Tochter Rose (Emilie Neumeister). Letztere will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Doch während ihre Mutter im offiziellen Verhör ein überraschendes Geständnis macht, ist sie privat noch nicht bereit für die Wahrheit. Regisseur Dierbach erschafft mit wenig Dialog berührende Szenen.

Wieder einmal beweisen die Ermittlerinnen aus Rostock, dass sie als Team nicht immer reibungslos funktionieren, in ihrer Authentizität aber faszinieren. Lina Beckmann und Anneke Kim Sarnau sind ein Glücksfall für das mörderische Treiben an der Ostsee, das auch diesmal mit einem tiefgründigen Krimi im Gedächtnis bleibt.
ASTRID KISTNER

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