„Ich hatte bis zuletzt Angst“: Nathalie Schöffmann. © ORF
Kurz bevor sie eiskalt vom Rad gerammt wird: Luise von Finckh als Nathalie B., die in die Hände eines Entführers gerät. © Degeto
Eine junge Frau wird von einem Autofahrer auf einer abgelegenen Straße in der Steiermark vom Rennrad gerammt. Der Mann handelt mit voller Absicht, er schafft die leicht verletzte Frau samt Sportgerät in sein Auto und entführt sie in sein abgelegenes Gehöft ganz in der Nähe, in der Absicht, sich dort an ihr zu vergehen. Davon handelt der Krimi „Ohne jede Spur – Der Fall der Nathalie B.“, den das Erste an diesem Donnerstag zeigt.Am Ende hat das Opfer, wenn man das so sagen kann, Glück im Unglück, denn der Täter selbst bringt es nach einigen Stunden wieder heim.
Der Film von Esther Rauch mit Luise von Finckh und Dominic Marcus Singer in den Hauptrollen beruht auf einem wahren Fall aus dem Jahr 2019. Dass weder der Name des Opfers noch der Schauplatz verändert wurden, hat einen einfachen Grund – die echte Nathalie Birli (heute Schöffmann), eine erfolgreiche Triathletin, geht mit dem Erlebten und Erlittenen offensiv um. Was nicht heißt, dass die Verfilmung der Vorkommnisse von vor sechs Jahren sie unberührt lässt. „Das noch einmal zu sehen, ist mir nahegegangen, das hatte ich so nicht erwartet“, sagt die 32-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung: „Und bei der Szene, als ich wieder nach Hause zurückkehre, musste ich weinen.“
Die Nathalie im Film reagiert – zumindest äußerlich – kontrolliert auf den Täter, der am Anfang sehr aggressiv auftritt. Was wie eine Strategie zur Deeskalation wirkt, sei Intuition gewesen, betont die echte Nathalie. „Ich habe natürlich ständig über meine Möglichkeiten nachgedacht, auch darüber, wie ich ihm entkommen kann.“ Doch selbst als sie wieder im Auto gesessen habe, sei sie nicht sicher gewesen, mit dem Leben davonzukommen: „Ich hatte bis zuletzt Angst, dass er mich doch noch woanders hinfährt und mich dort umbringt.“
Während Nathalies heutiger Ehemann bereits die Polizei eingeschaltet und mit Freunden eine private Suchaktion gestartet hat, entspannt sich die Situation im Haus des Entführers. Nathalie beginnt mit ihrem Peiniger, im Film heißt er Florian, ein Gespräch über dessen Orchideenzucht, ebenfalls „aus Intuition“. Es gelingt ihr, auf diese Weise eine Art Beziehung zum Entführer aufzubauen: „Ab da hat er du zu mir gesagt, vorher hat er mich gesiezt.“ Nathalie schlägt ihm schließlich vor, zu behaupten, ihr sei ein Reh vors Rad gelaufen und er habe sich um sie gekümmert. Darauf lässt sich Florian ein. Den Täter später ausfindig zu machen, ist für die Polizei kein Problem – die Daten des Fahrradcomputers führen zum Tatort. Nathalie hat den Mann, der eigentlich Christoph K. heißt, seit damals nicht wiedergesehen. Ihre Zeugenaussage wird aufgezeichnet und beim Prozess vorgespielt, „dazu hatte mir meine Anwältin geraten“. K. wird in Graz zu sieben Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Panikattacken wie anfangs, als sie wieder aufs Rennrad gestiegen sei, habe sie inzwischen nicht mehr, sagt Nathalie Schöffmann: „Ich habe nur noch ein ungutes Gefühl, wenn mich ein roter Kastenwagen überholt, weil der Täter genau so einen hatte.“ Bereut hat sie die aktive Mitwirkung an der Entstehung von „Ohne jede Spur“ nicht. Natürlich habe sie Respekt vor der Aufgabe gehabt, „aber rückblickend gesehen hat es mir geholfen, mit der Sache abzuschließen. Es ist so lange her, dass ich inzwischen eher die Szenen aus dem Film vor Augen habe als meine eigenen Erinnerungen.“
RUDOLF OGIERMANN
Sendehinweis:
„Ohne jede Spur“ zeigt das Erste am Donnerstag um 20.15 Uhr, anschließend ist dort die Doku „Das zweite Leben von
Nathalie“ zu sehen.