Der Poet des Pop

von Redaktion

Beach-Boys-Mitgründer Brian Wilson ist im Alter von 82 Jahren gestorben

Die Hit-Maschine: Er schrieb fast alle bekannten Songs der Beach Boys. Jetzt ist Musiker Brian Wilson im Alter von 82 Jahren gestorben. © Casey Curry/dpa

„Ich bin kein Genie, ich bin nur ein Typ, der hart arbeitet“, hat Brian Wilson einmal leicht genervt erklärt. Es war der Versuch, sich freizuschwimmen vom Klischee des entrückten Schöpfers sphärischer Hymnen. Zu spät, das Bild des weltfremden Genies, das abgewandt vom Leben einzigartige Kompositionen ersinnt, war schon etabliert. Der frühere Pressesprecher der Beatles, Derek Taylor, hatte im Auftrag von Wilsons Plattenfirma das Image wirksam verbreitet.

Wilson fand das doof, aber er war natürlich tatsächlich ein Wunderkind, das schon früh auffiel. Mit dem absoluten Gehör und einer glasklaren Tenorstimme gesegnet, war Wilson schon als Teenager eine Sensation, der noch vor seinem 20. Geburtstag einen Plattenvertrag in der Tasche hatte. Auf Initiative seines jüngeren Bruders Dennis entstanden die Beach Boys, die vom lustigen Leben am Strand sangen. Sehr erfolgreich.

Der Wunsch, besser zu sein als die Beatles, wurde zu seinem Lebensziel

Brian, der kein Surfer, eher ein Stubenhocker war, erschuf unwiderstehlich eingängige Hymnen zum Sommer-Spaß-Gefühl. Für die hedonistischen Texte war Cousin Mike Love verantwortlich. Das Konzept ging auf, die Beach Boys waren die größte Pop-Sensation seit Elvis – bis die Beatles 1964 die USA eroberten. Plötzlich waren die fröhlichen Strandrocker uncool und Wilson erlitt einen Nervenzusammenbruch. Die Beatles wurden seine Obsession, seine Nemesis.

Die Rolling Stones machten ihm weniger Sorgen. „Das klingt alles ziemlich gleich.“ Aber der Wunsch, besser, erfolgreicher zu sein als die Beatles, wurde zu seinem Lebensziel. Angespornt vom wegweisenden Beatles-Album „Rubber Soul“ schuf Wilson „Pet Sounds“ – nach Ansicht vieler, unter anderem von Paul McCartney, das vollkommenste Pop-Album aller Zeiten. Als die Beatles kurz danach die bahnbrechende LP „Revolver“ vorlegten, verlor Wilson, anders kann man es nicht ausdrücken, den Verstand. Er wollte die Beatles übertrumpfen, arbeitete wie besessen an dem Nachfolger von „Pet Sounds“, verlor sich in Details – und brach endgültig zusammen, als „Sgt. Pepper“ der Beatles erschien.

Besser war Popmusik nie. Und wird es auch nicht werden.

Nach Wilsons Wahrnehmung hatte er verloren und versank in einem Sumpf aus Drogen und psychischen Problemen. Aus dem Wunderkind war ein Freak geworden, der wochenlang nicht aus dem Bett kam und sich Sand unter das Klavier schütten ließ, um inspiriert zu werden. In den 80ern verfiel er einem Psychoguru und verlor endgültig jede Kontrolle über sein Leben. Musikalisch war einer der Höchstbegabten seiner Zeit da bereits erledigt. Paralysiert dämmerte er vor sich hin und fand erst im neuen Jahrtausend die Kraft, wieder aktiv zu werden. Da war er nur noch ein Schatten seiner selbst und wusste das auch. Aber er genoss die Anerkennung und die Möglichkeit, seine Versionen seiner zeitlosen Lieder darbringen zu können.

Das Verhältnis zu den anderen Beach Boys war allerdings zerrüttet. Die tingelten als Sixties-Gedächtniskappelle um den Planeten und machten auf fröhliche Surfer-Burschen, was Brian Wilson immer schon doof fand.

Nun ist Wilson, melancholischer Philosoph und Schöpfer zutiefst lebensbejahender Hymnen auf das Glück da zu sein, kurz vor seinem 83. Geburtstag gestorben. Er war einer der letzten Poeten des Pop und zeitlebens unterschätzter Pate des vollkommenen Entertainment. Wer heute „Pet Sounds“ auflegt und genau hinhört, der versteht – besser war Popmusik nie. Und wird es auch nicht werden.ZORAN GOJIC

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