Zwei Killer, zwölf Geschworene

von Redaktion

Der Kriminalroman „Kein Zurück“ ist nicht das beste Buch von Stephen King

Der „King of Horror“ Stephen King lässt Mörder, Alkoholiker und Abtreibungsgegner auftreten. © Mark Lennihan

„Das kannst du besser“, sagte seine Ehefrau Tabitha zu ihm, nachdem sie die erste Fassung des Manuskripts gelesen hatte. In der Tat sei es ihm schwergefallen, dieses Buch zu schreiben, gesteht Stephen King. Unter anderem, weil er sich Ende September 2023 einer Hüftoperation unterziehen musste. Eine Spätfolge seines Unfalls, bei dem ihn 1999 beim Spazierengehen ein Kleinbus erfasst hatte und er drei Wochen lang im Krankenhaus liegen musste. Die örtliche Lokalzeitung hatte ihn damals schon für tot erklärt.

Ganz zufrieden, schreibt er im Nachwort, sei er auch mit dem fertigen Buch nicht, das im Original „Never Finch“ heißt und in Deutschland jetzt unter dem Titel „Kein Zurück“ erschienen ist. Aber Selbstzweifel sind bei dem „King of Horror“ ja nichts Neues. Schon das Manuskript seines ersten Romans „Carrie“ (1974) hatte er in den Mülleimer geworfen, wo Tabitha es herausfischen und ihn dazu ermutigen musste, es fertig zu schreiben.

Das Buch machte Stephen King einst berühmt und zählt heute neben „Shining“ (1977), „Friedhof der Kuscheltiere“ (1983) und „Es“ (1986) zu seinen bekanntesten Werken. Mehr als 80 Titel hat der mittlerweile 77-Jährige veröffentlicht, die sich weltweit häufiger als 400 Millionen Mal verkauft haben. Von den Verfilmungen mal ganz abgesehen.

Was „Kein Zurück“ angeht, scheinen die Zweifel von Stephen King allerdings berechtigt zu sein. Es ist nicht sein bestes Buch. Obwohl darin mit der Privatermittlerin Holly Gibney eine seiner eindrücklichsten Figuren der vergangenen Jahre zurückkehrt. Fans kennen sie schon aus der Bill-Hodges-Trilogie („Mr. Mercedes“, „Finderlohn“, „Mind Control“) sowie deren Spin-offs „Der Outsider“, „Blutige Nachrichten“ und zuletzt „Holly“. Diesmal hat sie es gleich mit zwei Verrückten zu tun. Während Holly ihrer Polizisten-Freundin Izzy Jaynes hilft, einen Serienkiller zu schnappen, wird sie zeitgleich von Feministin Kate McKay als Personenschützerin gebucht, weil Abtreibungsgegner sie bedrohen.

Mit seiner ganzen Erfahrung springt Stephen King routiniert zwischen den beiden Handlungssträngen und lässt sie am Ende ineinander münden. Da ist zunächst mal der Mörder, der in einem Bekennerschreiben droht, den Tod eines unschuldig Verurteilten zu rächen, indem er als „Akt der Sühne“ 13 Unschuldige tötet. Wahllos sucht er auf der Straße seine Opfer aus und drückt ihnen nach der Tat einen Zettel mit dem Namen eines der zwölf Geschworenen in die Hand, die für die Verurteilung verantwortlich waren.

Und dann ist da noch der unter einer Persönlichkeitsstörung leidende Chris, der seit dem frühen Tod seiner Schwester Chrissy in deren Haut schlüpft und manipuliert durch den evangelikalen Prediger einer bigotten Freikirche Abtreibungsgegner jagt. Bei beiden Tätern leiten sich die psychischen Defekte aus deren sozialer Prägung und ihren dysfunktionalen Familien her.

Eher durch Intuitionsblitze als durch wirkliche Detektivarbeit kommt Holly den Verbrechern auf die Spur. Ihre Selbstzweifel hat sie weitgehend im Griff. Der Hauptfehler des Romans aber ist die Konstruktion. Indem Stephen King beide Bösewichte schon von Beginn an auftreten lässt, kommt keinerlei Spannung auf. Nur die psychologische Erklärung der Taten hält einen bei der Stange. Aber auch die ist, wie leider so oft bei King, nicht allzu überzeugend. Gut gelungen ist ihm dagegen das Milieu der Anonymen Alkoholiker, in dem Teile des Romans spielen, besuchte er selbst doch während seiner Alkohol- und Drogensucht derartige Treffen.

Mag das Buch als Kriminalroman also auch nicht wirklich funktionieren: Den Fans wird das egal sein. Hauptsache, ein neuer Stephen King. Was nicht selbstverständlich ist. Hätte es nach dem Unfall von 1999 doch auch zu Ende sein können. Jeder weitere Titel von ihm muss als Zugabe betrachtet werden. Beweisen muss dieser Mann es eh keinem mehr.WELF GROMBACHER

Stephen King:

„Kein Zurück“. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kleinschmidt. Heyne, München, 640 Seiten; 28 Euro.

Artikel 4 von 4