Die Unberechenbare

von Redaktion

Iris Berben wird heute 75 – ihr Motto: neugierig bleiben und Haltung zeigen

Seit 2007 sind Berben und Heiko Kiesow ein Paar. © A. Riedl

„Schönheit ist keine Frage des Alters“, sagt Iris Berben, die es hasst, auf Oberflächliches reduziert zu werden. © Sven Hoppe

Man könnte Iris Berben lange zuhören, wenn sie über das Leben spricht. Die Schauspielerin hat eine natürliche Autorität, etwas Tiefgründiges. Als junger Mensch habe sie sich oft gefragt: „Was bedeutet Leben?“, erzählt sie in einer Podcast-Folge von „Hotel Matze“. Berben, die heute 75 Jahre alt wird, hat für sich eine berührende Antwort gefunden, aber dazu später mehr.

Fürs Fernsehen und fürs Kino hat Berben viel gedreht. Vielleicht ist sie so etwas wie die Isabelle Huppert der Bundesrepublik. Was man vielleicht nicht unbedingt weiß: Dass Iris Berben mehrfach von der Schule geflogen ist, mit den 68ern protestierte und eine ganze Weile ohne Führerschein fuhr. „Der Rock-‚n‘-Roll ist nie weggegangen aus meinem Kopf“, sagte sie mal in der Talkshow „3nach9“.

Castings mied sie öfter aus Angst, eine Rolle nicht zu bekommen. Trotzdem kam in ihrer Karriere eins zum anderen. In den Siebzigern spielte sie in der Serie „Zwei himmlische Töchter“, in den Achtzigern in der Comedyshow „Sketchup“, später in den „Rosa Roth“-Krimis. Sie ist in Komödien wie „Der Spitzname“ zu sehen und hatte im internationalen Kino mit „Triangle of Sadness“ einen wichtigen Moment: In der Satire über Superreiche spielt sie eine Frau, die nach einem Schlaganfall nur noch „In den Wolken“ und manchmal „Nein“ sagen kann. Berbens Sohn Oliver ist außerdem einer der wichtigsten Filmproduzenten Deutschlands.

Dass Iris Berben so bekannt ist, liegt aber nicht nur an den Filmen und Serien, die sie in mehr als 50 Jahren gedreht hat. Sondern auch an ihrem gesellschaftspolitischen Engagement. Eine Reise hat sie besonders geprägt. Nach dem Sechstagekrieg 1967 ging sie eine Weile nach Israel, verliebte sich in das Land und die Menschen. Der Kampf gegen Antisemitismus ist ihr bis heute wichtig.

Noch im Januar sah man sie im Bundestag mit der inzwischen verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Der Zentralrat der Juden verlieh ihr den Leo-Baeck-Preis. Auch als Präsidentin der Deutschen Filmakademie, der sie fast zehn Jahre vorstand, schlug Berben politische Töne an. „Ich bin fast manisch darin, Nachrichten zu schauen. Ich will wissen, was auf der Welt passiert“, sagt Berben. Zwar brauche man auch einen Kokon, um einen Film zu machen, um sich zu konzentrieren. „Aber ich nehme am Leben teil. Ich kann mich nicht ausgrenzen als Schauspielerin.“

Mit der Aussage, dass sie für ihr Alter noch gut aussehe, braucht man Berben nicht zu kommen. Sie ärgere sich sogar darüber, sagt sie. Der Satz sei sicher als Kompliment gemeint, sage aber eine Menge darüber aus, wie Frauen gesehen würden. „Und genau darüber ärgere ich mich.“ Sichtbarkeit von Frauen bedeute nicht, nur mit 20 Jahren schön auszusehen – „das hört doch nicht auf“.

Iris Berben ist eine Frau, die von sich selbst sagt, sie lebe unglaublich gerne und schreibe Briefe, die ihr wichtig seien, noch von Hand mit Füllfederhalter; eine Frau, die gerne kocht und lacht; die Portugal mag und sich für die SPD engagiert; die nie geheiratet hat und seit Langem mit Stuntkoordinator Heiko Kiesow liiert ist; eine Frau, die tanzen kann.

In der Podcastfolge von „Hotel Matze“, die Ende des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, gab sie sehr persönliche Einblicke. Sprach darüber, wie ihre Mutter in ihrer Jugend nach Portugal auswanderte, wie sie viele Jahre im Internat war, wie sie manches davon erst später verarbeitet hat.

Im Gespräch ging es auch darum, wie gern sie heute lebt und dass sie als junge Frau zeitweise Selbstmordgedanken hatte. Damals habe sie sich oft gefragt, was das Leben bedeute, sagte Berben. Weil ja alles schon einmal gelebt und gedacht, alle Worte besetzt und jede Liebe schon geliebt worden sei. Aber dann merke man, dass das Leben die Antwort sei. „Türen gehen auf, Türen gehen zu“, sagt Berben. In manche gehe man hinein, andere blieben einem verwehrt, manche versuche man einzuschlagen. Aber das Leben sei unberechenbar und das möge sie. „Und man selber“, sagt Berben, „sollte auch ein bisschen unberechenbar bleiben, finde ich.“JULIA KILIAN

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