INTERVIEW

„Haben wir‘s geschafft, Frau Tacke?“

von Redaktion

ZDF-Journalistin zieht nach zehn Jahren „Flucht und Krise“ Bilanz

Zahlen, Daten, Fakten – TV-Journalistin und Rechtsexpertin Sarah Tacke untersucht in ihrer neuen ZDF-Reportage, inwieweit Integration in Deutschland gelungen ist. © Florian Lengert

„Wir schaffen das“ – eine Aussage der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die bei den Bürgerinnen und Bürgern rückblickend unterschiedliche Gefühle auslöst. Für die einen spiegelt sie die Gewissheit wider, dass eine Gesellschaft auch große Herausforderungen bestehen kann, für die anderen ist sie ein leeres Versprechen, von der Realität längst widerlegt. Haben wir die Flüchtlingskrise bewältigt oder nicht? Für die Reihe „Am Puls“ ist Fernsehjournalistin und ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke (42) dieser Frage nachgegangen. Ihren Film„Flucht und Krise – Zehn Jahre ,Wir schaffen das‘“ zeigt der Mainzer Sender an diesem Donnerstag um 22.15 Uhr im linearen Programm und ab sofort in der Mediathek.

Mit welcher Erwartung sind Sie in die Recherche eingestiegen? „Wir haben es geschafft?“ oder „Wir haben es nicht geschafft?“

Ich bin mit dem Wunsch an das Thema herangegangen: Ich will es wissen! Deswegen haben wir zunächst alle Zahlen und Daten gezogen: Wie viele Menschen sind in dieser Zeit gekommen? Wie viele Männer, Frauen, Kinder? Wo leben sie? Wie viele arbeiten? Wie viele beziehen Sozialleistungen? Wie viele sind kriminell geworden? In einem zweiten Schritt haben wir dann über das ZDF und über Soziale Netzwerke einen Aufruf gestartet und Menschen gesucht, die uns über ihre Erfahrungen berichten. Daraufhin haben uns mehrere tausend Menschen geschrieben, von denen ich dann eine Handvoll besucht habe. Beides zusammen, die Zahlenbasis und das, was uns unsere Gesprächspartner erzählt und wir in den Mails und Kommentaren gelesen haben, haben uns zur Antwort geführt.

Und – wie lautet sie?

Die Frage ist: Was wollten wir schaffen? Wenn wir vorhatten, Millionen Menschen aus dem arabischen Raum zu helfen, sie in Deutschland aufzunehmen, unterzubringen und zu versorgen, dann haben wir es geschafft. Wenn wir aber vorhatten, diese Menschen in Deutschland zu integrieren, ohne größere gesellschaftliche Verwerfungen, ohne enorme Belastung der Sozialsysteme und der Schulen und ohne einen Anstieg der Kriminalität, dann haben wir es nicht geschafft. Ich habe Menschen getroffen, die mir gezeigt haben, was möglich ist in zehn Jahren, Menschen, die hier angekommen sind, und Menschen, die genau daran gescheitert sind.

Zum Beispiel?

Ich habe einen jungen Syrer getroffen, der Fränkisch spricht, als lebte er in der dritten Generation in dieser Region. Der sein Lehramtsexamen abgelegt und sogar den Namen seiner Frau angenommen hat, weil er gesagt hat: „Ich kann so gut sein, wie ich will, wenn ich eine fehlerfreie Mail schreibe und drunter steht Mohammed Shekh Yousef kriege ich trotzdem die Wohnung nicht.“ Ich war aber auch am Hauptbahnhof in Regensburg, wo anlasslos von der Polizei kontrolliert werden darf, weil das ein Kriminalitätsschwerpunkt ist und der Hauptbahnhof zum „gefährdeten Objekt“ erklärt wurde. Und unter den Kontrollierten war ein junger Iraker, der bereits viereinhalb Jahre im Gefängnis gesessen hat und jetzt abgeschoben werden soll. Zwei Menschen, die zur selben Zeit mit derselben Chance auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen sind. Integration ist eine Herausforderung, für die, die kommen, und für uns.

Wenn Integration gelungen ist, was war dann nach Ihren Erfahrungen der Hauptgrund dafür? Der Wille, es zu schaffen, oder die Hilfe von Behörden und privaten Initiativen?

Es muss alles vorhanden sein. Die Geflüchteten müssen etwas mitbringen, nicht zuletzt die Fähigkeit, Deutsch zu lernen. Aber sie brauchen auch Menschen, die sie durch den Behördendschungel begleiten. Am wichtigsten aber scheint mir doch der Wille zu sein, es zu schaffen.

Viele glauben, dass wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender wie das ZDF ein solches Thema angeht, das positive Ergebnis schon vorher feststeht. Wie gehen Sie damit um?

Darauf müsste ich eigentlich sagen: Die Skeptiker sollen sich einfach den Film anschauen. Ich sehe mich in meinem Beruf als Suchende. Wüsste ich vorher schon die Antwort, wäre ein Thema wie dieses kein Thema mehr für mich. Ich kenne dieses Vorurteil, aber das ist nicht der erste Film, den ich mache, ich bin ja jetzt doch schon ein paar Jahre dabei. Ich fühle mich da nicht angesprochen oder angegriffen. Und ich habe schon viele Filme gemacht, bei denen etwas anderes herausgekommen ist, als ich eigentlich erwartet hatte.

Wie sehen Sie generell das wachsende Misstrauen vieler Menschen gegen die klassischen Medien? Was sagen Sie zu Schmähungen wie „Lügenpresse“?

Es ist mir bewusst, dass es solche Urteile über uns gibt, auch in meinem persönlichen Umfeld. Das war, als ich 2008 beim Norddeutschen Rundfunk angefangen habe, noch anders. Aber ich bekomme ja viele Zuschriften und werde da persönlich sehr selten angegriffen. Mit der Reihe „Am Puls“ fassen wir ja genau die Themen an, die den Leuten Puls verursachen – Jugendgewalt oder Bürgergeld beispielsweise. Und natürlich erlebe ich, dass Leute, denen ich davon erzähle, dann meinen: „Das sagen Sie jetzt, aber zeigen Sie das auch?“ Dann sage ich: Ja, im ZDF-Streaming-Portal ist das alles zu sehen.

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