Das letzte Foto von Lana Kaiser. © People Picture/privat
„Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ ist kein Film über das spurlose Verschwinden eines gescheiterten Stars. Es ist die Würdigung eines Menschen, der seiner Zeit voraus war. © Rolf Vennenbernd/dpa
Fast hat man es vergessen, wie‘s damals war, in den Nullerjahren, als die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ die Fernsehwelt auf den Kopf stellte. Die RTL-Castingshow, die heute mühsam um Zuschauerzahlen ringt, löste 2002 einen Hype aus, der die Teilnehmer regelrecht überrollte. Und einen erwischte es besonders: Daniel Küblböck, ein 17-jähriger Teenager und Kinderpfleger aus Niederbayern, der laut Jury zwar nicht singen konnte, dafür aber mit sonnigem Gemüt und schräg-selbstbewusstem Auftreten das Publikum begeisterte. Die ARD widmet dem Sänger, der sich kurz vor seinem Tod als trans outete und Lana Kaiser nannte, eine dreiteilige Doku. „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ ist kein True-Crime-Format über das spurlose Verschwinden eines gescheiterten Stars. Es ist die Würdigung eines Menschen, der seiner Zeit voraus war.
„Hallo, ich bin‘s, der Daniel – also die Lana eigentlich. Ich wollte nur sagen, ich möchte gern von dem Schiff hier runter.“ Es ist die letzte Sprachnachricht, die Manuel Pilz von seinem Ex-Freund Daniel Küblböck am 9. September 2018 erhält. Stunden später zeichnet eine Überwachungskamera den Sprung eines Menschen vom Kreuzfahrtschiff in den Nordatlantik vor Neufundland auf.
Regisseur Tristan Ferland Milewski ist weit davon entfernt, investigative Enthüllungen oder reißerische Neuigkeiten in den Fokus seiner Dokuserie zu rücken. Immer noch sind da eine Menge Fragen, auf die Freunde, Familie und Fans keine Antwort mehr bekommen werden. Dafür öffnen die drei Episoden neue Perspektiven auf den Menschen hinter der Showfassade. Milewski porträtiert eine Person, die unterschätzt, häufig belächelt und beleidigt wurde. Denn so sehr die einen Daniel Küblböcks unverblümte Art lieben, das Selbstbewusstsein feiern, mit dem er schrille Klamotten trägt und noch schrillere Töne trifft, so sehr wird er wegen seines Anders-Seins abgelehnt.
Doch das ist nichts, was ihn aus der Fassung bringt. Ablehnung und Aggression kennt Daniel aus der Kindheit, mit der Rolle des Außenseiters kennt er sich aus. Dafür liebt er das Rampenlicht, Momente, in denen er sich selbst spüren kann, und trotzig „I am what I am“ („Ich bin, was ich bin“) schmettert. Für die queere Szene wird er zur Ikone. Die befreundete Dragqueen Olivia Jones lobt in der Doku „die Kraft und den Mut“, mit denen sich Küblböck als junger Mann der Öffentlichkeit stellte. Und auch Moderator Riccardo Simonetti ist überzeugt davon, dass der Sänger mit seiner Präsenz viel für die Community getan hat. „Daniel war seiner Zeit voraus und hätte es heute“, da sind sich beide sicher, „wesentlich leichter“.
Filmemacher Milewski geht für seine Doku zurück in Küblböcks Kindheit, spricht mit dem Vater, Freunden, der ersten großen Liebe. Er beleuchtet die Zeit nach dem „DSDS“-Hype, als der schnelle Ruhm auf einmal verblasste, sich Hass und Häme manifestierten. Die Reihe erzählt von Küblböcks Zeit auf Mallorca, seiner Rückkehr nach Berlin und dem Neuanfang auf der Schauspielschule. Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, macht dem Künstler, der ernst genommen werden möchte, da bereits zu schaffen. Aus Daniel wird Lana – ein mühsamer Prozess und eine einsame Mission für einen Menschen, der eigentlich nur eines sein wollte: er selbst.
Alle drei Folgen von „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ sind ab dem 26. August in der ARD-Mediathek verfügbar. Am 27. August hätte Lana Kaiser, die im Jahr 2021 für tot erklärt wurde, ihren 40. Geburtstag gefeiert.ASTRID KISTNER