INTERVIEW

Mein Leben als Lilo

von Redaktion

Ernie Reinhardt alias Travestiestar Wanders blickt zum 70. zurück

Der Künstler privat: Ernie Reinhardt. © Michael Reh

„Ich hatte nie ein Problem, offen über Sexualität zu reden“, sagt Ernie Reinhardt. Als Kunstfigur Lilo Wanders moderierte er zehn Jahre lang die Sex-Sendung „Wa(h)re Liebe“. © Ulrich Perrey

Als Lilo Wanders moderierte Ernst-Johann „Ernie“ Reinhardt zehn Jahre lang die Sex-Show „Wa(h)re Liebe“. Jetzt wird der Travestiekünstler 70 Jahre alt und hat seine Autobiografie geschrieben. Im Interview spricht er über seine Kindheit in der Provinz, sein Outing, Liebe und Sex im Alter und darüber, warum er als schwuler Mann seit mehr als 40 Jahren mit einer Frau zusammen ist.

Herr Reinhardt, es ist mehr als 20 Jahre her, dass Sie das letzte Mal als Lilo Wanders „Wa(h)re Liebe“ moderiert haben. Stört es Sie, dass Sie für viele Menschen immer noch die Moderatorin dieser Sex-Sendung sind?

Überhaupt nicht! Das ehrt mich! Schließlich habe ich alle, die heute über 35 Jahre alt sind, mit „Wa(h)re Liebe“ aufgeklärt. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer sind mir dankbar, dass ich ihnen geholfen habe, ihre sexuelle Identität zu finden.

Aber „Wa(h)re Liebe“ hat nicht nur aufgeklärt. Ging es nicht vor allem um Voyeurismus, bevor Pornografie immer und überall verfügbar wurde?

Es ging um beides. Mir war stets bewusst, dass es ein kommerzielles Format war. Deshalb haben wir über Pornodrehs, Swingerclubs, Penisgröße und all diese Dinge berichtet. Ich hatte nie ein Problem, offen über Sexualität zu reden.

Sie werden in wenigen Tagen 70. Ist Sex da immer noch so wichtig?

Natürlich! Das Tolle beim Sex im Alter ist: Man kann so viel entspannter sein. All die Schönheitsideale und Vorgaben gelten nicht mehr. Es geht nur noch darum, gut miteinander zu sein, einen Komplizen oder eine Komplizin zu haben und sich mit einer gewissen Schamlosigkeit aneinander zu erfreuen.

In Ihrem Buch „Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?“ schreiben Sie, dass Sie an Ihrem 16. Geburtstag Ihrer Familie gesagt haben: „Ich bin schwul!“ Wie hat die Familie reagiert?

„Aber das wissen wir doch längst“, sagte meine Mutter. Ich hatte offene Tore eingerannt. Ich habe zwar nicht rumgetuckt, aber ich war halt mädchenhaft. Auch in meiner Jugendclique wurde ich zuvor schon wie ein Zauberwesen behandelt und von allen beschützt. Die Ansage an meinem 16. Geburtstag war eigentlich schon mein zweites Coming-out. Selbst zu akzeptieren, dass man schwul ist, ist das erste Coming-out. Es anderen mitzuteilen, ist das zweite Coming-out.

Wann haben Sie sich das erste Mal als Frau verkleidet?

Während des Kinderkarnevals, mit acht Jahren. Ich wurde zunächst ohne Nachfrage im Kreis der Mädchen aufgenommen. Erst als sie checkten, dass ich gar kein Mädchen war, war ich draußen. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich mich das erste Mal heimlich geschminkt. Ich habe mir Rosenblütenblätter auf den Wangen verrieben und mir mit abgebrannten Streichhölzern die Augen umrandet. Plötzlich kam meine Oma ohne anzuklopfen in mein Zimmer. Ich habe meinen Kopf unter die Decke gesteckt, und sie dachte, ich spiele Indianer.

Als Lilo Wanders sind Sie erstmals 1988 im Schmidt Theater auf der Reeperbahn aufgetreten. Verkleiden Sie sich auch privat manchmal als Lilo Wanders?

Nein. Das Lilo-Outfit ist meine Arbeitskluft. Wenn ich mich in Lilo verwandele, sage ich: „Papa zieht den Blaumann an.“

Ernie Reinhardt:

„Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?“. Goldmann-Verlag, München, 272 Seiten; 20 Euro.

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