Diese Doku wühlt auf

von Redaktion

Münchner Filmemacherinnen porträtieren die Eltern eines Serienmörders

Ein grundsympathisches Ehepaar: Ulla und Didi Högel. Anders als andere Eltern leugnen die beiden nicht die Schuld ihres Sohnes. Sie versuchen, mit ihr zu leben. © Tobias Tempel/ZDF

Medien berichten über Taten. In dem Zusammenhang natürlich über die Täter, die sie verübt haben, ebenso über die Opfer und manchmal auch deren Hinterbliebene. Ganz selten erfährt man, wie es den Angehörigen von Menschen geht, die „das Böse“ getan haben. Die Münchner Autorinnen Katharina Köster und Katrin Nemec haben sich genau für diese Frage interessiert und einen so berührenden wie bemerkenswerten Dokumentarfilm über die Eltern des Mannes gedreht, der für die größte Mordserie in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte verantwortlich ist. Ulla und Didi Högel müssen damit leben, dass ihr Sohn Niels ein Mörder ist, verurteilt in schier unfassbaren 85 Fällen. Das ZDF zeigt „Jenseits von Schuld“ heute um 23.55 Uhr, in der Mediathek ist der 90-Minüter bereits abrufbar.

„Wenn ich an den Zeitungskästen in München vorbeigehe und Geschichten über Verbrechen lese, habe ich mich schon oft gefragt: Wie mag es den Angehörigen der Täter gehen, die vielleicht auch vorbeigehen und lesen?“, sagt Katharina Köster. Katrin Nemec geht es ähnlich: „Ich erinnere mich an den Amoklauf am OEZ, da dachte ich mir schon damals, wie furchtbar diese Tat auch für die Eltern desjenigen gewesen sein muss, der sie verübt hat. Das ist ja eigentlich ein unlösbarer Konflikt, in dem Eltern sind: wenn das eigene Kind, das man bestenfalls zu einem verantwortungsbewussten Menschen erziehen wollte, eine so hohe Schuld auf sich lädt, die man nicht verzeihen kann. Bricht man den Kontakt dann ab? Lässt das Kind fallen?“

Die Eltern von Niels Högel halten diesen Konflikt irgendwie aus. Sie stehen weiterhin in Kontakt mit ihrem heute 48-jährigen Sohn, besuchen ihn im Gefängnis, telefonieren regelmäßig. „Anders als andere Eltern, die leugnen, dass ihr Kind Täter ist, reflektieren die Högels die Schuld ihres Sohnes“, sagt Köster. Verstehen können sie sie freilich nicht. Tatsächlich gibt es nichts in der Biografie der Familie, das als Grund oder wenigstens als Erklärungsversuch für die grausamen Taten herhalten könnte. Für die Eltern – und für die Angehörigen der Opfer – gibt es schlicht keine Antwort auf die quälende Frage nach der eigenen Schuld, nach einer Verantwortung.

Sie suchen sie trotzdem weiter. Die Högels, ein grundsympathisches Ehepaar, lesen und schauen im Grunde alles, was über ihren Sohn, seine unfassbaren Taten und die Mammut-Prozesse veröffentlicht wurde. Als das Buch „Der Todespfleger“ erschien, bestellte Didi, übrigens auch Krankenpfleger wie sein Sohn, es telefonisch bei seiner Buchhandlung. Mit seiner Frau schaute er auch die Serie an, die RTL über den Fall gedreht hat. Ulla kann das kaum ertragen. „Es zieht einem immer wieder den Boden unter den Füßen weg“, sagt sie im Film. Die Dreharbeiten seien auf der anderen Seite auch eine Art (weitere) Therapie für sie gewesen. Denn Hilfe haben sie nach der Tat ihres Sohnes nicht bekommen. „Es gibt kaum Stellen oder Organisationen, die sich um Angehörige von Tätern kümmern“, wissen die Autorinnen, die beide auch Mütter sind.

Niels Högel ist in der Dokumentation nicht zu sehen. „Uns interessiert die Beziehung seiner Eltern zu ihm. Es war uns von Anfang an klar, dass er sich in unserem Film nicht äußern soll“, sagt Katrin Nemec. „Wir wollten ihm keine Plattform geben.“ Seine Geschichte sei hundertfach erzählt worden. Abgesehen davon: „Es gibt so viele Angehörige von Opfern, für die es immer wieder retraumatisierend ist, seinen Namen zu hören, sein Gesicht zu sehen. Damit versuchen wir so verantwortungsbewusst wie möglich umzugehen.“STEFANIE THYSSEN

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