Kampf um jedes Gramm: Caro Matzko in jungen Jahren.
Konflikte mit dem Elternhaus: Carolin „Caro“ Matzko entwickelte als Jugendliche eine schwere Essstörung. © Y. Thedens
Der Verlag offeriert das Buch mit einer These, die neugierig macht: Der Vater der BR-Journalistin Carolin „Caro“ Matzko (Co-Moderatorin bei „Ringlstetter“) ist 1945 als Zehnjähriger mit seiner Mutter vertrieben worden. Er erlebte Schlimmes – Gewalt, Vergewaltigungen, Kälte, Tod. Kann es sein, dass sich die „seelischen Verletzungen“, die der Vater zeitlebens mit sich schleppte, in der Biografie Caro Matzkos „fortpflanzen konnten“, wie es in der Verlagswerbung heißt?
Caro Matzko nimmt das jedenfalls an. Schonungslos mit sich selbst beschreibt sie in „Alte Wut“, wie sie als Kind von einer Essstörung bis zur Magersucht driftete („Ich war zwölf, als ich begann, meinen Körper als problematisch zu empfinden“), die wochenlang erfolglos in einer Münchner Klinik behandelt werden sollte. Nur noch 39 Kilo leicht, wurde sie schließlich ins Josefinum nach Augsburg in eine geschlossene Therapieabteilung verlegt. Infusionen, Flüssignahrung – es muss die Hölle gewesen sein.
Nur langsam arbeitete sich Matzko aus dem Elend heraus – es gelang mit Therapiesitzungen, mit der Vereinbarung von Gewichtszunahme Kilogramm für Kilogramm. Es waren monatelang nur mühsam errungene Fortschritte. Erst langsam machte sie sich frei von ihren Zwängen. „Nach sechs Monaten wurde ich schließlich in die Freiheit entlassen. Mein Zielgewicht von 62 Kilo hatte ich erreicht.“
Was ist nun der Grund für das erlittene psychische Tief? Für die Eltern war die Sache klar, schreibt Caro Matzko. Die Schule, das Schulsystem – eine bequeme Ausflucht, natürlich. Oder war die Ursache vielleicht doch eher das autoritäre Elternhaus? Der Vater „legte großen Wert auf preußische Tugenden: Ordnung, Fleiß, Disziplin“. Ein Einser in der Schule war vor allem dann „sehr gut“, wenn es der einzige Einser in der Klasse war. Zugleich politische Konflikte, die Caro Matzko nur andeutet. Der Vater engagiert sich beim „Bund Freier Bürger“, ist in der Landsmannschaft, landet schließlich in der AfD.
Das alles deutet doch eher auf eine innere Rebellion gegen den Vater hin, gegen den sich eine Jugendliche mit dem wehrt, was ihr bleibt – dem eigenen Körper. Zur möglichen Verbindung zwischen der Fluchterfahrung des Vaters und dem eigenen jugendlichen Elend findet sich in dem Buch eigentlich nur ein Satz: „Die Verweigerung der Nahrungsaufnahme war für einen Mann, der auf der Flucht fast verhungert war, eine perfide Form der Bestrafung.“ Mit Verlaub, das ist zu wenig.
Der Rest des Buches sind viele Belanglosigkeiten, die Caro Matzko mit Ehemann, Kind und Hund auf einer Reise zum Heimatort des Vaters in Ostpreußen erlebt. Zu viel Geblubber um die Wasserrutsche, zu viel Gekicher um Chipsbrösel im VW-Bus – und dann doch zu wenig stringente Gedanken. Etwas ratlos legt man das Buch zur Seite.DIRK WALTER
Caro Matzko:
„Alte Wut. Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“. Piper Verlag, 224 Seiten; 24 Euro.
Die Autorin liest aus ihrem Buch am kommenden Montag, 6, Oktober um 19 Uhr in der Evangelischen Akademie Tutzing sowie am 23. November um 19 Uhr im Münchner Haus der Kunst (Terrassensaal).