Überrumpelnde Meisterschaft: Christian Gerhaher (li.), Simon Rattle und Malin Byström. © Astrid Ackermann
Oper auf dem Konzertpodium – da rückt vor allem das normalerweise im Graben musizierende Orchester in den Fokus. So war es auch in der Isarphilharmonie, wo Sir Simon Rattle das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zur Oper verführte. Zu „Wozzeck“ von Alban Berg. Da gesellte sich also für das aufmerksame Publikum zum akustischen Eindruck noch der optische, konnte das Instrumentarium doch auch mit den Augen verfolgt werden, was die klangliche Präsenz gerade bei dieser Oper noch intensivierte.
Da lenkte keine Szene ab. Man wurde von dieser so konzis konzipierten wie sinnlichen Zwölftonmusik nicht nur überrumpelt, sondern blieb Bergs kompositorischer Meisterschaft auf der Spur. Gerade wenn Einzelstimmen aus dem breit gefächerten Orchester hervortraten, ein Kontrabass, eine Flöte, eine Bratsche, eine Harfe… Das alles gelang Rattle und seinem vorzüglichen BRSO wunderbar. In den immensen Verdichtungen, den Klangballungen, den orchestralen Aufschreien wünschte sich hingegen mancher Hörer das Orchester in einen Operngraben. Denn wenn volles Blech, Pauken und Trommeln im vielfachen Fortissimo agierten, faszinierte das zwar in der letzten geradezu existenziellen Zwischenmusik, setzte aber insgesamt den Sängerinnen und Sängern doch zuweilen zu… Vor allem Malin Byström, die als Marie im Zusammenspiel mit ihrem Bub die innigsten Momente gestalten musste und dabei ihren lyrischen, in der Höhe wunderbar wohlgerundeten Sopran nie forcierte.
Mit einer musikalisch-klinischen Studie fesselte Christian Gerhaher in der Titelrolle. Sein Wozzeck ist nicht der Getretene, der Underdog, sondern ein pathologischer Fall. Ein Mensch, in dem es brodelt, der seinen Gefühlen und Halluzinationen hilflos ausgeliefert ist. In unzähligen Farben – manchmal schien jede Silbe eine eigene zu bekommen – interpretierte er den Text, wagte sich vor bis zum Schrei.
Große Präsenz entfaltete Nicky Spence als nervöser Hauptmann, der – bei bester Textverständlichkeit – seinem bis ins Falsett getriebenen Part frischen tenoralen Klang gönnte. Auf den konnte auch Eric Cutler als imponierender Tambourmajor setzen. Brindley Sherrats ruhiger Bass passte bestens zum zynisch analysierenden Doktor. Alle weiteren Solisten sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) und der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper (Einstudierung: Kamila Akhmedjanova) rundeten den konzertanten Kraftakt eindrucksvoll ab.GABRIELE LUSTER