Magie mit Störgeräuschen

von Redaktion

Igor Levit mit Schubert, Schumann, Chopin und einem unkonzentrierten Publikum

Igor Levit gastierte in der Münchner Isarphilharmonie. © Carsten Koall

Musik besteht nicht allein aus Noten, es sind auch die Momente der Stille dazwischen, die manchmal erst für die wahre Magie sorgen. Das hat Igor Levit bei seinem jüngsten Auftritt in der Isarphilharmonie erneut eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Er verzauberte das Publikum bei Schuberts Klaviersonate Nr. 21 nicht nur mit zart hingetupften Tönen, bei denen seine Finger die Tasten des Flügels kaum zu berühren schienen.

Auch die klug gesetzten Pausen verfehlten für sensible Ohren nicht ihre Wirkung und steigerten die Spannung seiner behutsam ausbalancierten Interpretation. Wobei Levit gerade im Scherzo mit kräftigem Anschlag für die nötigen Kontrastfarben sorgte. Eine faszinierende Licht-Schatten-Dramaturgie, die sich nicht nur innerhalb der ausgewählten Werke zeigte, sondern den gesamten Abend überspannte.

Mit mehr Attacke rückte Levit den „Vier Nachtstücken“ von Robert Schumann zu Leibe, die in den romantisch hochwogenden Melodielinien an mehr als einer Stelle den Ideengeber E. T. A. Hoffmann spüren ließen. Gefolgt von Chopins Klaviersonate Nr. 3 in h-Moll, bei der Levit den Menschen im Saal kaum Gelegenheit zum Atmen ließ. Unnachgiebig vorwärtsstrebend bediente er mit gewohnter technischer Souveränität das virtuose Element, ohne die kunstvollen Verzierungen zum reinen Selbstzweck verkommen zu lassen. Denn auf Klischees ließ sich Levit auch diesmal nicht ein und näherte sich dem Werk mit klarem, unverstellten Blick. Das Publikum brachte der Musik und dem Pianisten dagegen leider nicht immer denselben Respekt entgegen. Da wurde neben anderen Störgeräuschen auch mal ruppig in die letzten leisen Schwingungen eines Schlussakkords hineingeklatscht. Und zur Krönung meldete sich wiederholt ein penetranter Klingelton. Igor Levit versuchte es trotzdem locker zu nehmen. Erst mit einem lachenden Kopfschütteln, irgendwann aber auch mit dem angemessenen Sarkasmus. „Gehen Sie ruhig ran, ich hab‘ Zeit.“ Eine potenzielle zweite Zugabe, die angesichts des enthusiastischen Jubels durchaus drin gewesen wäre, hatte der Handy-Besitzer den restlichen Fans damit wohl definitiv vermasselt.TOBIAS HELL

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