Super Sound: Bis in die Nacht wurde getanzt. © Hangen
Super lustig: Comedian Michael Mittermeier. © Hangen
Super Gäste: Zeno und Papa Florian Leuschner. © M. Hangen
„Happy Birthday, Bergson“: Blick ins Atrium des Kunstkraftwerks, dem Herz des Hauses – und der Geburtstagsparty. © Martin Hangen
Wer kann schon von sich behaupten, dass zu seinem ersten Geburtstag eine Bigband aufgespielt hat – und hunderte Gäste kamen? Das Bergson in Aubing kann. Das ehemalige Heizkraftwerk hat sich in nur zwölf Monaten zu einem der spannendsten Kulturorte Münchens gemausert – und zeigt bei seiner Geburtstagsfeier am Freitagabend, wie lebendig und vielfältig Kultur am Rand der Stadt sein kann.
Im Mittelpunkt des Abends steht das, was das Bergson ausmacht: Kunst, Musik und Comedy. An der Tür zum „Freiraum“ warnt ein Schild vor den Lichteffekten: Die Jazzrausch Bigband, Hausensemble des Bergson, bringt die Industriehalle mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Jazz, Elektro und Klassik zum Beben. Erkennungszeichen der Truppe: Die Musikerinnen und Musiker tragen einen schwarzen Strich über dem rechten Auge. Jazzrausch-Klarinettist Florian Leuschner hat an dem feierlichen Abend sogar sein Baby Zeno dabei. Der Kleine bleibt bei all dem Trubel um ihn herum jedoch gelassen – dank Gehörschutz.
In der imposanten Halle des ehemaligen Heizkraftwerks, dem Atrium, gönnen sich viele Gäste unter Lichtinstallationen ein Zwei-Gang-Menü – als Auftakt für die vielfältigen Möglichkeiten des Abends. Später wird dort noch eine DJane den Gästen einheizen.
Die Treppe hoch, im „Studio“, wird es intimer: Michael Mittermeier, der im „Lucky Punch Comedy Club“ regelmäßig seine Stand-up-Show spielt, steht auch am Geburtstagsabend auf der Bühne. Die rund hundert Plätze sind schnell besetzt. Nachdem Comedian Daniel aus Barcelona dem Publikum von erfolglosen Flirtversuchen berichtet („Wenn du eine Kartoffel wärst, wärst du eine Süßkartoffel“), fährt Mittermeier härtere Geschütze auf. Er zieht zum Beispiel Vergleiche zwischen Pornos und Donald Trump („Man denkt ständig: Nein, das macht der jetzt nicht wirklich!“). Nach rund einer Stunde gibt es viel Applaus für den alten Comedy-Hasen Mittermeier und seine jungen Kolleginnen und Kollegen.
Kabarettistin Claudia Pichler tritt erst im November im Bergson auf, genießt aber schon mal die Geburtstagsfeier, schließlich ist sie in Aubing aufgewachsen. „Aubing ist sehr dörflich, die wildesten Partys gab’s früher im Pfarrheim“, erzählt sie und lacht. Heute freue sie sich, dass ihr alter Stadtteil eine neue kulturelle Mitte habe: „Das Bergson bietet so vielfältige Möglichkeiten – und das Beste: einen Platz für Comedy.“ Unter den Gästen sind auch der Schauspieler Götz Otto („Ich bin jedes Mal überrascht, was sich hier wieder verändert hat“) und Alessandro Capasso, ehemaliger Volontär unserer Zeitung, jetzt Social-Media-Star unter dem Namen „Der Münchner“.
Während oben gelacht wird, regt im Erdgeschoss eine Führung durch die Schau „Beyond Surface“ zum Nachdenken an. Die Ausstellung zeigt, was ein Porträt alles sein kann. Besonders eindrucksvoll sind zwei großformatige Spiegel mit fiktiven „Vogue“-Covern aus der Zukunft, geschaffen von der Künstlerin Olga Migliaressi-Phoca. Gegenüber voneinander aufgehängt erinnern sie an den Spiegelsaal in Schloss Herrenchiemsee. Auf den Covern der „VOGUE Mar 2074“ und „VOGUE Jul 2067“ sehen die Besucher in unendlicher Ausführung: sich selbst.
Der größte Hingucker der Ausstellung ist jedoch die Installation des KI-Künstlers Patrick Tresset: Fünf Roboterhände zeichnen simultan Porträts von einem Besucher oder einer Besucherin. Die nebeneinander angeordneten Roboter umgeben die Person auf dem Stuhl wie in einer Zeichenklasse. Jeder Roboter hat dabei seinen eigenen Zeichenstil. Zwanzig Minuten dauert eine Sitzung – ein Stück Entschleunigung in der schnelllebigen Tiktok-Welt. Und ein Moment, um mit der Kunst zu verschmelzen.JANINA VENTKER