Nicht überzeugend: Edward Berger drehte „Ballad of a small Player“. © JUAN HERRERO
Glücklos in Macau: Colin Farrell als Zocker, den seine Vergangenheit einholt. © Netflix
Es ist das Fest der hungrigen Geister. In der buddhistischen Vorstellungswelt sind das die Seelen, die auch im Jenseits ihre unersättliche Gier nicht stillen können. Für Lord Doyle ist das anfangs nur Hintergrundrauschen. Er ist nur ein „Gweilo“ – ein wegen seiner bleichen Hautfarbe so genannter „Geistermensch“. Ein westlicher Fremder in Macau. Der sich seinen Adelstitel selbst verliehen hat. Und in den Casinos Unsummen Geld verspielt, das ihm nicht gehört.
Macau, das ist quasi das Las Vegas Chinas. Ein infernalisches Spielerparadies. Eine Scheinwelt von nachgebauten Weltwundern. Ein Ort somit, der Edward Berger sehr entgegen kommt. Denn es ist eine Welt der Oberflächen. Des aufdringlichen Äußerlichen. Edward Berger ist kein Regisseur für Innerlichkeit. Um die Seelenverwüstung des Krieges in „Im Westen nichts Neues“ zu inszenieren, pfropfte er Erich Maria Remarques epochalem Buch die für das Genre des Kriegsfilms üblichen Schlachtensequenzen auf. Der Trash „Konklave“ ließ keinen Hauch menschlichen Atems zu jenseits der puren Mechanik seiner Vorlage eines Bahnhofsbuchhandlungsbestsellers.
„Ballad of a small Player“ aber, nach einem Roman von Lawrence Osborne, will eine Charakterstudie sein. Und kehrt dazu – begleitet von einem ungewohnt bombastischen Soundtrack von Volker „Hauschka“ Bertelmann – die inneren Abgründe des Protagonisten stets nach außen.
Colin Farrell ist immer großartig, wenn er irische Kackspechte gibt. Für alles andere braucht er eine Regie, die ihn im Zaum hält, zur Subtilität drängt. Dieser Film aber kann Doyles Besessenheit, Gier nicht anders abbilden, als dass er Farrell den Schweiß auf die Stirn schwemmt, ihn bis zum Speiben Meeresfrüchte schlingen lässt. Gegenüber der Vorlage erfindet der Film eine Figur, die Lord Doyles Getriebenheit, seine Schuld verkörpert. So gerne man jedoch Tilda Swinton zusieht, wie sie gegen jeden glatten Rhythmus arbeitet, Exzentrik zelebriert – ihre detektivische Schuldeneintreiberin Cynthia Blithe ist eine Figur aus einer Farce.
„Ballad of a small Player“ kann sich nie auf einen Tonfall einigen, schlingert so dahin. Am ehesten klingt der im Titel versprochene Balladen-Ton an, als Doyle für eine Weile mit der mysteriösen Geldgeberin Dao Ming (Fala Chen) aus den Casinos auf ein Hausboot entkommt. Dao Ming hätte die spannendste Figur des Films werden können – löst sich aber weitgehend auf zu einer orientalistischen Fantasie.
Überraschenderweise sind nicht einmal die Sequenzen am Baccarat-Spieltisch wirklich packend. Von den großen Spieler-Filmen ist das weit entfernt. Das ist ein Jammer, denn im Herzen dieser Netflix-Produktion (jetzt im Kino, ab 29. Oktober dann im Stream) steckt eine wunderschöne Geistergeschichte. Deren Fokus aber nicht die verschlingende Hitze der Gier hätte sein müssen. Sondern der wehmütige Schmerz der Unstillbarkeit.THOMAS WILLMANN