Mit 60 voller Lebenslust: Ina Müller. Was sie uns lehrt? Man bleibt im Alter dieselbe, nur mit mehr Falten im Gesicht. © Sandra Ludewig
Kult: In ihrer NDR-Sendung „Inas Nacht“ quatscht, singt und trinkt sich Ina Müller (Mi.) mit Promis durch den Abend. Hier zu Gast: Komikerin Ilka Bessin (li.) und Lebensmittelexperte Sebastian Lege. © Morris Mac Matzen/NDR
Genau so muss man nämlich mit der 60 umgehen. Oder mit der 50, der 70, der 40. High Heels an, Haare richten, und die Zahlen, die Jahr für Jahr höher werden, mit dem ganzen Oberkörper fest umarmen. Dazu das lauthalse Lachen nicht vergessen!
Schon die Werbefotos für Ina Müllers neues Album machen richtig gute Laune. Und Lust aufs Leben. Weil: Älterwerden bedeutet ja Weitermachen dürfen, diese verrückte Erde noch nicht verlassen müssen. „6.0“ heißt das Werk – nach „Weiblich, Ledig“, 40“, „48“ und „55“ die konsequente Weiterführung von Ina Müllers musikalischer Lebensreise. Wieder hört es sich an, wie mit einer jahrzehntelangen Freundin an der Bar hocken und die ganze Nacht durchreden. Über Männer lästern, an Wein und gemeinsamen Erinnerungen berauschen, mit dem Kellner flirten – und tags drauf verkatert zusammen Schuhe kaufen gehen. Noch so was, was uns die Müller lehrt: Man bleibt doch immer dieselbe, nur mit mehr Falten im Gesicht.
Und weil die Blondine aus dem Norden weiß, dass Lachen die schönsten Furchen ins Gesicht zaubert, sind auch ihre neuen 13 Lieder, die sie eigenen Angaben zufolge in 21 weinseligen Tagen auf Mallorca zusammen mit Frank Ramond geschrieben hat, geprägt von viel Wortwitz, Selbstironie und Anspielungen, die jede heterosexuelle Frau versteht.
Von „Weiber-WG“ („Wir gucken Serien bis nachts um vier/ und betrinken uns beim Schminken in der Badezimmertür“) über „Mein neuer Freund“ („Bei ihm stimmt alles Wichtige (…) mein neuer Freund ist elektrisch und wohnt in meinem Nachttisch“) bis „13 Männer“ („Du brauchst einen zum Küssen, einen zum Lachen, einen zum Nichts-mehr-selber-Machen, einen, der Geld hat, und einen vom Bau, einen zum Trösten, fünf zum Feiern, einen, der zuhört, einen mit Eiern, 13 Männer ganz genau bräuchte jede Frau“): Die Moderatorin der wohl lässigsten Sendung des deutschen Fernsehens – „Inas Nacht“ – liefert verlässlich spaßige Hymnen aufs selbstbewusste Frausein.
Doch sie kann eben auch Tiefgang. Hinterfragt in „Mit der stimmt doch was nicht“ unsere Sicht auf alleinstehende, kinderlose Frauen wie sie (seit 2023 nach zwölf gemeinsamen Jahren getrennt von Musikerkollege Johannes Oerding), verzagt an zu dürftig erwiderter Liebe („Gerade so, dass es reicht“) und sinniert über die Zeit, die gnadenlos dahinrinnt – und so viele und so vieles für immer mit sich reißt. „Die Zeit“ ist eine der schönsten Nummern auf der neuen Platte. Durchdrungen von Nostalgie, getragen von Klavier und Ina Müllers dunkler Stimme, die immer en passant von einem wilden Leben mit vielen Drinks und noch mehr Zigaretten erzählt. „In den peinlichsten Momenten blieb sie stehn, und in den schönsten rief sie: Ey, wir müssen gehn (…) Die Zeit zieht einfach jeden übern Tisch“. Deshalb ist die frohe Botschaft dieses nachdenklichen, anregenden, launigen, bittersüßen Albums der Appell, sich stets zu vergegenwärtigen, womit man die Sekunden, Minuten, Tage seines endlichen Lebens verbringt. Egal, ob mit 20, 40 oder 60: „Man weiß erst, dass es gut war/ das hab ich grade kapiert/ weiß wirklich erst, dass es gut war/ wenn man’s für immer verliert.“KATJA KRAFT