Was hat der Gemeinderat beschlossen? Wer ist neuer Vereinsvorsitzender? Wer besiegte wen beim Jugendfußball und mit welchem Ergebnis? Die Lokalteile der Zeitungen waren lange ein Art Lagerfeuer, um das sich eine große Mehrheit der Leserinnen und Leser versammelte. Was morgens im „Bladl“ stand, war bis zum Abend im ganzen Ort bekannt. Diese Zeiten sind vorbei, längst informieren sich die Menschen auch aus anderen Quellen. Diese Medien, angesiedelt beispielsweise in Sozialen Netzwerken, bedienen kleine (Ziel-)Gruppen, berichten oft ausführlicher – aber nicht alle sind seriös. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus? Eine neue Studie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), betitelt „Lokaljournalismus und Demokratie“, sieht die Zukunft ohne klassische lokale Medien äußerst kritisch.
„Wenn keiner mehr hinschaut, ist die Demokratie in Gefahr“, fasst BLM-Chef Thorsten Schmiege die Ergebnisse der Studie zusammen. Lokale Medien seien als „verlässliche Orientierungsanker“ unverzichtbar. Wer sie regelmäßig liest, hört oder sieht, vertraut demnach Institutionen stärker, fühlt sich besser informiert und erlebt mehr Zusammenhalt – so die Bilanz der Meinungsforscherinnen und -forscher. Wo Redaktionen verkleinert oder aufgelöst würden, entstünden „viele gefährliche Lücken“, es gebe „weniger Transparenz, weniger Kontrolle und weniger öffentlichen Diskurs“. Zwei Drittel der Befragten, so die Studie, haben die Sorge, dass ohne journalistische Angebote „wichtige Themen aus dem Blick geraten“.
Bereits mehr als ein Drittel der Befragten sucht laut BLM-Erhebung Informationen über Social-Media-Kanäle. Auf der anderen Seite nutzt immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung lokaljournalistische Angebote täglich – und sieht sich davon gut informiert. Mit direkten Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer sich der Heimat verbunden fühle, so die Autoren, engagiere sich eher ehrenamtlich.
Immerhin zwei Drittel sehen deutliche Informationsdefizite, wenn es keine lokalen Medien mehr gäbe – unter anderem bei Bürgeranliegen und im kulturellen Leben. So könnten unter anderem kommunale Entscheidungen nicht mehr nachvollzogen werden. Es bestehe die Gefahr, folgert die Studie, dass Informationslücken von Anbietern gefüllt werden, die weniger neutral und unabhängig berichten.
Je jünger, desto skeptischer – viele unter 30 sehen demnach „professionellen Lokaljournalismus nicht mehr in jedem Fall als verlässlichste Instanz“. Sie informieren sich überwiegend digital, über Social Media, daneben aber immerhin auch über Online-Auftritte etablierter Medien. Und – sie fordern mehr Dialog. Sie wollen, analog zu text- oder bildbasierten Plattformen wie X oder Instagram, „eigene Perspektiven einbringen und Fragen stellen“. Glaubwürdigkeit bleibe ein zentraler Wert, werde aber anders definiert – „nicht über Autorität oder Distanz, sondern über Transparenz und Nähe“.
Ein Service, den die Zeitungen aber doch seit Jahr und Tag böten, widerspricht der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger. „Wenn es ein Ressort gibt, das für hohe Glaubwürdigkeit steht, dann ist es das Lokale“, sagt Schweiger: „Man kennt die Reporterin, den Fotografen persönlich – das schafft Vertrauen.“ Um die Jungen zurückzugewinnen, müsse jedoch mehr „Pep in die Vermittlungsleistung“, so Schweiger, der an der Universität Stuttgart-Hohenheim lehrt. Komplexe Sachverhalte müssten verständlich erklärt werden, „es kann nicht mehr vorausgesetzt werden, dass alle wissen, wie ein Gemeinderat arbeitet oder welche Aufgaben ein Bürgermeister hat“.
Den Befund, dass lokale Medien unter Druck sind, bestätigt Schweiger. Das habe aber vor allem mit der „Gratiskultur im Netz“ zu tun: „Die Menschen sind immer weniger dazu bereit, für Information zu bezahlen.“ Hinzu kämen Entwicklungen in der Politik. „Vor allem bei der AfD, aber auch bis weit hinein ins konservative Lager gibt es eine wachsende Skepsis gegenüber Qualitätsmedien.“ Das bleibe nicht ohne Wirkung auf das Image der Branche ganz allgemein. Für Panik gebe es dennoch keinen Anlass: „Die Akzeptanz der Medien in Deutschland, angefangen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis hin zur Regional- und Lokalzeitung, ist in der Gesamtbevölkerung weiterhin hoch.“ RUDOLF OGIERMANN