Entwicklungsprozess der besten Band von allen: Die drei Cover der ursprünglichen „Anthology“-Reihe der Beatles. © Apple
Beatles-Produzent George Martin hat schlechte Nachrichten. Ende der Achtzigerjahre hat er die EMI-Archive nach brauchbarem unveröffentlichten Material der Band durchforstet. Fehlanzeige. Das Problem: Er hat nach fertigen Songs gesucht. Ein paar Jährchen später sieht die Sache ganz anders aus: Gleich drei Doppel-CDs der „Beatles Anthology“ erscheinen ab 1995. Vollgepackt mit verworfenen Versionen von Fab-Four-Songs, mit Studio-Gequatsche und Instrumental-Spuren. Die Reihe löst beinahe eine zweite Beatlemania aus. Denn die nachgeborenen Fans wollen keine fertigen Songs mehr. Sie wollten eine authentisch klingende Zeitreise ins Aufnahmestudio der Sechzigerjahre.
Die Herangehensweise der „Beatles Anthology“ ist epochenbildend. 1995 verbinden die damals noch lebenden drei Beatles nach John Lennons Tod hunderte Outtakes und Raritäten zu einem fabulösen Fleckerlteppich der Bandgeschichte. Heute ist der Markt geflutet von oft hochpreisigen Wiederveröffentlichungen arrivierter Bands, die allerlei Reste aus dem Studio und Bonus-Schnickschnack bieten. Jetzt ist der Beatles-Reigen – um einen vierten Teil erweitert – wieder auf dem Markt. Der Streaming-Dienst Disney+ zeigt die überarbeitete Film-Doku mit vielen Interviews und raren Aufnahmen, die schon vor 30 Jahren die Platten flankierten, ab 26. November als neunteilige Serie. Der Zauber, mittendrin zu sein im Entwicklungsprozess dieser besten Band von allen, er ist wieder da. Wir sind dabei, wie die Liverpooler Grünschnäbel an Neujahr 1962 beim Decca-Label in London vorspielen (wo man ihnen den Plattenvertrag verwehrt). Wir hören, wie John Lennon bei der Royal Variety Performance 1963 vor der Queen seine berühmte Frechheit vom Stapel lässt, die Leute auf den billigen Plätzen mögen doch bitte klatschen, die anderen einfach mit ihren Juwelen klimpern. Dann brüllt er „Twist and shout“. Wir hören, wie Toningenieur Geoff Emerick die 24 Takte von „A Day in the Life“ abzählt, über die später das Crescendo des London Philharmonic Orchestra gelegt wird. Die kreative Explosion, die mit „A hard Day‘s Night“ einsetzt und bis „Sgt. Peppers lonely Hearts Club Band“ andauert. Und wir hören anhand allerlei Gezänk, wie die Band danach auseinanderdriftet – dabei aber immer noch unsterbliche Musik macht.
Der Clou der „Anthology“ waren die unveröffentlichten Lennon-Songs „Free as a Bird“ und „Real Love“, die die Fab Three von Johns Witwe Yoko Ono bekommen hatten und die zu „neuen“ Beatles-Songs aufgemotzt wurden. Sie sind auf Teil vier noch einmal vertreten – in deutlich besserer Qualität. Denn die Beeinträchtigungen der alten Demo-Kassette mit Johns dünner Stimme konnte der damalige Produzent Jeff Lynne technisch nicht lösen. Giles Martin, Sohn von George Martin, hat das nun dank moderner Technik geschafft. Außerdem umfasst der neue Teil 13 bisher unveröffentlichte Demos und Session-Takes sowie andere seltene Aufnahmen.
Das eigentlich Faszinierende an dieser Wiederveröffentlichung ist aber, dass es 1995 selbst gerade einmal 30 Jahre her war, seit die Beatles mit der LP „Rubber Soul“ einen ersten Gipfel erklommen hatten. In dieser Zeitspanne hatte Popmusik ein einziges Postulat: frisch und noch nie da gewesen zu klingen. Seien es Punk und New Wave, Disco und Hip-Hop oder Techno. Sie einte der Reiz des Neuen. Als die „Anthology“ erschien, war alles schon einmal gesagt und gesungen worden, es herrschten Britpop und generelle Retromanie. Und heute, wo wieder 30 Jahre vergangen sind? Es hat den Anschein, als seien selbst Rekombination und Fragmentierung in der Popmusik schon an ihrem Ende angelangt. Man kann sich kaum vorstellen, wie sie in 30 Jahren klingen wird. Aber wetten, dass sich dann immer noch alle auf die Beatles einigen können?JOHANNES LÖHR