Völlig verstört: Welches Trauma hat die 16-jährige Amanda (Emilie Neumeister) erlitten? © Steffen Junghans/MDR
Opfer oder Täterin? Das war die Frage, mit der eine blutüberströmte Teenagerin das Dresdner „Tatort“-Team im ARD-Krimi am Neujahrsabend auf Trab hielt. Die Episode „Nachtschatten“ – ein vielversprechender Auftakt zum Fernsehjahr 2026 und der zweite Fall, den Polizeichef Peter Schnabel (Martin Brambach) und Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ohne Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) lösen mussten. Ein Ermittlerteam, das auch als Duo gut funktioniert.
„Wir sind unterbesetzt“, wettert Schnabel entnervt. Er will die abenteuerliche Geschichte der 16-jährigen Amanda so schnell wie möglich vom Tisch haben. Ist die junge Frau, die völlig verwirrt mit einem blutverschmierten Skalpell am Bahnhof aufgegriffen wurde, tatsächlich aus einem Kellerverlies geflohen, oder verbirgt sich hinter ihrer Fassade eine paranoide Mörderin? So oder so scheint Amanda ein Fall für die Psychiatrie zu sein. Die Frage, was das Mädchen erfunden hat und was wirklich wahr ist, treibt diesen „Tatort“ voran. Schnabel ist skeptisch, seine Kollegin Winkler mehr und mehr von der Geschichte überzeugt. Was, wenn die Behauptung der verstörten Amanda stimmt und irgendwo in Dresden noch ihre Schwester eingesperrt ist und in Lebensgefahr schwebt?
Regisseurin Saralisa Volm („Bis zur Wahrheit“) entwirft ein düsteres Szenario und schickt das Ermittlerteam in einen packenden Wettlauf gegen die Zeit. Geschickt arbeitet sie mit ein paar überraschenden Wendungen, die sich erst in der Rückschau erklären. Ein doppelbödiges Spiel, das über weite Strecken von Hauptdarstellerin Emilie Neumeister (Amanda) getragen wird: Undurchsichtig und unberechenbar agiert sie in diesem Krimi, in dem sie die Zuschauer im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz, Wahn und Wirklichkeit hält.
Viola Schmidt hat das Drehbuch zu „Nachtschatten“ geschrieben. Dass ihr dabei zu Anfang ein paar hölzerne Dialoge durchrutschen und sich nicht immer alles absolut logisch zusammenfügt – geschenkt. Dafür liefert sie einen fein komponierten Krimi, in dem sich auch Schauspielerin Nina Kunzendorf, ehemals selbst „Tatort“-Kommissarin in Frankfurt, die Ehre gibt. Doch man ahnt es leider: Wo so ein darstellerisches Großkaliber auftritt, dürfte es mit einer kleinen, unscheinbaren Hausmeisterinnenrolle nicht getan sein. Ein winziger Wermutstropfen im ansonsten überaus sehenswerten und gelungenen Neujahrs-Krimi.ASTRID KISTNER