Bei aller Liebe

von Redaktion

Ein Reinfall: Johan Simons inszeniert „Antigone“ in Berlin

Theaterstar Jens Harzer bei der Premiere. © Brüggemann

Lasst mich den Löwen auch spielen! Was hat Jens Harzer, den derzeit angesagtesten Bühnenschauspieler, einst aus dem guten Hause Dieter Dorns kommend, geliebt und bewundert und seit dieser Spielzeit Mitglied des Berliner Ensembles – was hat ihn geritten, die Antigone zu spielen?

Was hat den ehemals in München und gegenwärtig in Bochum erfolgreichen Intendanten und Regisseur Johan Simons verführt, die fast 3000 Jahre alte Sophokles-Tragödie „Antigone“ zu inszenieren, nach alter Masche reduziert auf drei Schauspieler? Das hat zwar bei Shakespeares „Macbeth“ funktioniert, klappte aber nicht bei Kleists „Penthesilea“. Es ging jetzt total daneben bei „Antigone“, dem vielleicht berühmtesten, dialektischsten und heute noch politischsten Stück des Welttheaters. Naturrecht gegen politische Willkür. Liebe statt Hass. Nichts ist ungeheurer als der Mensch. Die Grenze setzt der Tod.

Antigone widersetzt sich dem Befehl des neuen Machthabers von Theben, Kreon, ihren im Krieg gefallenen Bruder Polyneikes, der als Landesverräter gebrandmarkt wurde, den Vögeln und wilden Tieren zum Fraß zu überlassen. Heimlich geht sie, ihn zu bestatten. Die Todesstrafe ist ihr sicher. Und auch Haimon, Kreons Sohn und Bräutigam Antigones, ereilt dieses Schicksal.

Der gesellschaftlich-politische und moralische Disput, bei Sophokles (gespielt wird Hölderlins Übertragung) geführt von den Protagonisten und dem Chor der Bürger Thebens, verkommt in Simons Inszenierung zum unübersichtlichen Kinderspiel der drei Akteure Constanze Becker, die vor allem den Kreon gibt, Kathleen Morgeneyer, hauptsächlich als Ismene unterwegs, und Jens Harzer als Antigone, aber auch als Haimon. Die wichtigsten Strophen des Chores und der anderen Rollen wie etwa Teiresias, der blinde Seher, sind aufgeteilt unter dem Trio. Es wird gerannt über den weißen, mit Antiken-Schrott übersäten Bühnenboden, immer munter um den Tunnel-Palast herum (Bühne: Johannes Schütz), es wird gesäuselt, gestöhnt, gebrüllt, mitunter perfekt deklamiert, es wird gezittert und gegreint. Nichts bleibt von der Klarheit, der Strenge, dem inhaltlichen und so aktuellen Gehalt des Stücks. Bei aller Liebe – ein Reinfall.SABINE DULTZ

Nächste Vorstellungen:

22.1., 23.1., 14.2. und 15.2.

Artikel 3 von 4