Leben unter der Erde

von Redaktion

In der ARD-Doku „Zurück in den Bunker?“ erzählen Zeitzeugen von ihren Erlebnissen

Konrad Velten – Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs. © Agolino

Eingesperrt wie ein Vogel im Käfig – nur dass Gitterstäbe wenigstens eine Aussicht versprechen. In der ARD-Dokumentation „Zurück in den Bunker?“ berichten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren traumatischen Erlebnissen. Bunker, Zeitzeugen – der erste Gedanke liegt nahe: alte Männer und Frauen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Doch weit gefehlt. Die Dokumentation spannt den Bogen in die Gegenwart. Es kommen auch Ukrainerinnen und Ukrainer zu Wort, die das Grauen eines Krieges derzeit mitten in Europa live miterleben – und noch ist kein Ende in Sicht.

Die ukrainische Lehrerin und Journalistin Karina Beigelzimer etwa berichtet von einem Leben über und einem unter der Erde. „An das Leben unter der Erde kann man sich nicht gewöhnen“, sagt sie. Dazu sieht man Szenen aus U-Bahnhöfen, die Menschen in Decken gewickelt auf Bänken und auf dem Boden sitzend – die Blicke starr auf Smartphones gerichtet. Früher wären es vielleicht Bücher gewesen, die den Schutzsuchenden Ablenkung geschenkt hätten in dieser beklemmenden Situation.

In einer anderen Einstellung sucht der Münchner Zeitzeuge Robert Seidenader, Jahrgang 1929, einen prägenden Ort seiner Kindheit auf: den Bunker am Nockherberg. An Ort und Stelle wird der fast Hundertjährige wieder zum Kind, das alles miterlebt. Erst berichtet er, wie die Leute noch Spaß daran hatten, den Schutzraum zu besichtigen, doch im Angesicht der Luftangriffe bildeten sich lange Schlangen vor den Bunkern, Panik machte sich breit. Seidenader deutet auf den mittlerweile zugewachsenen Eingang. „Da drüben fiel dann einer hin, am Ende sind acht Leute zertreten worden.“

Später kommt Seidenaders Enkelin Laura zu Wort. Die junge Frau erzählt, dass der Großvater auch heutzutage noch regelmäßig Panikattacken bekomme, etwa wenn ein U-Bahn-Waggon zu voll sei. Ein Trauma, das auch Jahrzehnte später weiterlebt.

Liv Thamsen und Paul Wiederhold haben Regie geführt. Das Duo beleuchtet in „ARD History“ ein vermeintlich historisches Thema – das jedoch aktueller ist denn je. Ihnen ist eine lebendige Mischung gelungen aus Zeitzeugenaussagen, Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den beiden Weltkriegen und aktuellen Bildern. Das alles garniert mit historischen Fakten zur Geschichte des Bunkerbaus, der seine Hochphase in der Zeit des Nationalsozialismus hatte.

Sabotage an kritischer Infrastruktur, Drohnen- und Hackerangriffe – der jahrzehntelange Frieden in Europa und die Sicherheit der Menschen werden brüchig. Bewegend sind vor allem die Aussagen sowohl junger als auch alter Menschen, die einfach nicht fassen können, wie die Menschheit wieder in die aktuelle Situation kommen konnte. Am Ende sagt Laura Seidenader mit brüchiger Stimme: „Warum müssen wir uns im 21. Jahrhundert Gedanken um Bunker machen?“ Schwenk auf den Großvater, lautlos und still. Die sehenswerte Dokumentation „Zurück in den Bunker?“ ist bereits in der ARD-Mediathek zu finden und läuft heute um 22.45 Uhr im BR Fernsehen. JANINA VENTKER

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