Mit Ethan Hawke (li.): „The Weight“ wurde unter anderem in Bayern gedreht. © Verleih
„Servus Berlin” nannten die Bavaria Fiction und Bavaria Studios ihre Party zur Eröffnung der diesjährigen Berlinale. Auf der Einladung trägt der vertraute Berlinale-Logo-Bär weiß-blaue Hosen. Hätte man alles noch als übersteigertes bayerisches Geltungsbedürfnis abtun können – bis man sich das Programm der diesjährigen Filmfestspiele einmal genauer ansieht und erstaunt feststellen muss: Die Bayern haben dieses Jahr tatsächlich den Berlinern die Lederhosen angezogen.
Überraschend viele Spielfilm-Produktionen der insgesamt 277 Filme in den wichtigen Sektionen Wettbewerb oder Panorama stammen aus Bayern. Im Wettbewerb bereits zu sehen war beispielsweise „Rose“ mit Sandra Hüller in der Hosen-Hauptrolle. Sie spielt in dem wuchtigen, leisen Schwarz-Weiß-Drama eine Frau, die sich als Mann verkleidet einen Platz in der instabilen Gesellschaft im Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg zu sichern versucht. Regisseur Markus Schleinzer ist zwar Österreicher. Dafür hat die Produktionsfirma Walker + Worm Films aber ihren Sitz in München. Die zwei Geschäftsführer Tobias Walker und Philipp Worm, beide ehemalige Absolventen der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), haben mit „Allegro Pastell“, der stilsicheren und klugen Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Leif Randt, sogar noch einen zweiten Titel im Rennen. „Allegro Pastell“, inszeniert von der ebenfalls aus München stammenden Regisseurin Anna Roller („Dead Girls Dancing“), läuft in der Reihe Panorama.
Mit Ingo Fliess und seiner if…Productions ist eine weitere Münchner Produktionsfirma im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Fliess, Garant für intelligentes und gehaltvolles Kino, hat bereits mehrere Spielfilme mit Regisseur Ilker Vatak realisiert, darunter auch den 2024 Oscar-nominierten „Das Lehrerzimmer“ mit Leonie Benesch in der Hauptrolle oder „Es gilt das gesprochene Wort“, der 2019 beim Filmfest München Premiere feierte. Mit ihrem großartigen „Gelbe Briefe“ sind sie wieder einmal auf der Berlinale vertreten, diesmal endlich im Wettbewerb. Anhand eines Künstler-/ Professoren-Ehepaars illustriert der Beitrag die erschreckend rasche Erosion von Meinungsfreiheit und Kultur in einem erstarkenden autoritären Regime. Könnte die Türkei sein – aber auch ganz woanders stattfinden. Die Voraussetzungen sind überall schon wahrzunehmen.
Mit der Regisseurin Eva Trobisch ist eine weitere Absolventin der Münchner HFF im Berlinale-Wettbewerb vertreten: „Etwas ganz Besonderes“ erzählt von einer 17-Jährigen aus der thüringischen Provinz, die über eine TV-Castingshow berühmt zu werden versucht – aber eigentlich nur sich selbst finden will. Produziert wird das Familiendrama von Trini Götze und David Armati Lechner und ihrer Trimafilm aus München.
Nicht zu vergessen die in den Dreißigern angesiedelte Goldschmuggler-Geschichte „The Weight“ mit den Hollywood-Stars Ethan Hawke und Russell Crowe, die in der Bavaria gedreht und von Veronica Ferres koproduziert wurde. Bezieht man die übrigen Festival-Sektionen wie Perspektives oder Generation noch mit ein sowie die Dokumentarfilme, verfestigt sich nur der bestehende Eindruck: Es ist kein schlechtes Jahr für die Bayern in der preußischen Diaspora.ULRIKE FRICK