Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) lässt sich von Freund und Kollege Otto Pösken (Malick Bauer) trösten. © T. Kost/WDR
Am Dortmund-Krimi zeigt sich, was ein echter „Tatort“-Fan ist: Wer bei den Fällen aus dem Ruhrpott durchblicken will, darf in der Vergangenheit eigentlich keine Episode verpennt haben. Kontinuierlich erzählen die Drehbücher viele kleine Geschichten weiter, an denen die Kollegen zu knabbern haben. Der aktuelle „Tatort: Schmerz“, in dem sich Ermittlerin Rosa Herzog (gespielt von Stefanie Reinsperger) vom Ruhrpott-Revier verabschiedet, macht da keine Ausnahme.
Was wie ein klassischer Rotlichtmilieu-Krimi beginnt, wird schnell zum schwergewichtigen Drama mit historischem Hintergrund. Drehbuchautor Jürgen Werner, der den Dortmunder Ableger 2012 für die ARD-Reihe etablierte, erzählt von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, verdrängten Traumata und persönlichen Rachegelüsten. Das Thema Schmerz ist dabei von Anfang an Programm. Und auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer heißt es: Wer 90 Minuten durchhalten will, muss leiden. Oder zumindest fleißig im Gedächtnis kramen: Die Ermordung des Gerichtsmediziners Sebastian Haller, des Ex-Feindes von Kommissar Faber (Jörg Hartmann), gewinnt auch im aktuellen Geschehen neue Brisanz. Was verheimlicht Faber und welche Differenzen hatte seine Kollegin Rosa Herzog (Reinsperger) mit dem Opfer? Ihr Ausstieg ist dramaturgisch eng verknüpft mit der Frage der Schuld: Haben Faber und Herzog den Mord vertuscht?
Regisseur Torsten C. Fischer verknüpft die losen Enden der Vergangenheit geschickt miteinander, und dennoch fällt es bisweilen schwer, allen Figuren in diesem Wirrwarr aus Namen, Kriegsverbrechern, Familienverhältnissen und Verdächtigen zu folgen. Der „Tatort: Schmerz“ ist kein Krimi, der sich mal so nebenbei schauen lässt, sondern ein komplexes Konstrukt aus Schuld und Sühne. Zugleich markiert die Episode den Abschied von Reinsperger. Fürs Finale hat man der Ermittlerin zwar noch eine (wenig glaubwürdige) Liebesbeziehung mit Kollege Otto Pösken angedichtet, doch das täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass sie sich in den vergangenen fünf Jahren mit viel mentalem Ballast durch die Reihe geschleppt hat. An der Seite von Psychokommissar Faber schwermütig und missgelaunt zu wirken – das muss man erst mal hinkriegen. Vielleicht fällt es deshalb gar nicht so schwer, Rosa Herzog loszulassen.
Regie und Buch finden ein schlüssiges Ende für ein Team, das sich Vertrauen und Rücksichtnahme in elf Fällen erkämpfen musste. Bleibt abzuwarten, wie es künftig in Dortmund weitergeht.ASTRID KISTNER