Von seinen „Hirngespinsten und Obsessionen“ ließ sich der gefeierte Autor António Lobo Antunes beim Schreiben leiten. © MARIO CRUZ / epa
„Wenig Erde zum Geborenwerden, viel Welt zum Sterben.“ Mit diesem Zitat antwortete einst der Schriftsteller António Lobo Antunes auf die Frage nach der Regionalität seines über 30 Romane umfassenden Werks. Denn der Portugiese erzählt ausschließlich von Portugal und seinen ehemaligen Kolonien in Afrika, von Grausamkeiten und Horror der Kolonialmacht.
Geboren wurde er am 1. September 1942 in großbürgerlichem Umfeld in Benfica, dem noblen Ort Lissabons, gestorben ist er als ein Autor von absolutem Weltrang am gestrigen 5. März.
„Das Handbuch der Inquisitoren“, „Portugals strahlende Größe“, „Anweisungen an die Krokodile“, „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“ oder das 2024 bei Luchterhand auf Deutsch erschienene „Am anderen Ufer des Meeres“ – sie behandeln alle ein Thema. Das Trauma, das auch immer das Trauma Antunes’ war, das portugiesische Trauma bis heute: die Verbrechen der Kolonialmacht in Angola und die eigenen Erlebnisse dort in dieser Zeit der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Und doch erzählen die Figuren in ihrer psychologischen Dichte und Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart stets indirekt noch immer auch von den grundlegenden Menschheitserfahrungen.
Antunes wollte schon als Kind schreiben, studierte aber Medizin, seinem Vater folgend, der Neurologe war. Er wurde Psychiater. Nach dem Studium wurde er zum Militärdienst eingezogen und war von 1971 bis 1973 in Angola. In diesem Krieg machte er die Grunderfahrung seines Lebens. Erlebnisse, die ihn nie mehr losließen. Eine Folge: Er trat in die Kommunistische Partei ein, saß vorübergehend im Gefängnis und wurde nach der Nelken-Revolution Chefarzt einer Nervenklinik. Das Schreiben aber nahm immer größere Ausmaße an, er hatte Erfolg und gab schließlich 1985 den Arztberuf auf.
Doch Antunes kannte sich perfekt aus mit verkrüppelten Seelen, dem von den Gewalttaten geprägten Leben, dem unbewussten Hin- und Hergerissensein der Menschen, die von ihren Erlebnissen noch immer dominiert werden. In seinem Roman „Am anderen Ufer des Meeres“ blickt er noch einmal zurück auf den Kolonialkrieg in Angola. Drei Menschen lässt er sich erinnern an diese Jahrzehnte zurückliegende Zeit, ja, er lässt sie noch immer in ihr leben: einen ehemaligen Offizier, einen Staatsangestellten und die Tochter eines Baumwollfabrikanten.
Ob dieses persönliche Sich-Erinnern auch Antunes’ Leben ist? „Was und wie ich schreibe“, sagte er dazu, „muss unbedingt etwas mit mir zu tun haben, mit meinen Hirngespinsten und Obsessionen.“ Dennoch: „In einer Fiktion müssen die Protagonisten nicht authentisch, nicht real sein. Sie müssen real aussehen. Aber ich bin nicht Gott, ich kann keinen Menschen erfinden. Ich muss von wirklichen Personen ausgehen – und wie Frankenstein sie manipulieren.“
Immer wieder war Antunes ein heiß gehandelter Favorit für den Nobelpreis. 2010 erhielt ihn ein anderer Portugiese, José Saramago. Das Nobelkomitee hat weitere 16 Jahre verstreichen lassen. Es ist nicht wiedergutzumachen. Und nicht zu entschuldigen.SABINE DULTZ