Schutz versus Teilhabe

von Redaktion

Die Landesmedienanstalten zweifeln am Nutzen von Social-Media-Verboten für Kinder und Jugendliche

Soziale Netzwerke wie Tiktok, Instagram und Co. gehören längst zum Alltag vieler junger Menschen. © Alicia Windzio/dpa

Die deutschen Landesmedienanstalten bezweifeln, dass Verbote und starre Altersgrenzen als Mittel für mehr Jugendschutz im Netz ausreichen. Im Jugendschutz- und Medienkompetenzbericht 2026, der am Freitag auf der Bildungsmesse didacta in Köln vorgestellt wurde, greifen die Landesmedienanstalten die Debatte um ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche auf. Zwar gebe es gute Argumente für ein Verbot, aber technische Zugangsbeschränkungen allein seien nicht geeignet, die Probleme im Netz zu lösen.

Eva Spittka und Mirko Pohl, Experten der Landesmedienanstalt Niedersachsen, plädieren stattdessen für eine differenzierte Betrachtung: „Aus unserer Sicht sollte die Auseinandersetzung nicht in eine Entweder-oder-Logik münden, sondern vielmehr alle verfügbaren Instrumente klug miteinander verbinden.“ In der aktuellen Debatte werde die „schnelle Karte der Altersbeschränkungen“ allzu oft gezogen, weil diese zumeist einen einfachen und vermeintlich effizienten Lösungsweg verheiße.

Die Experten weisen darauf hin, dass Kinder und Jugendliche im Netz oft mit problematischen und nicht altersgerechten Inhalten konfrontiert seien. Wie groß der negative Einfluss dieser Inhalte und der Plattformen allgemein auf Minderjährige sei, lasse sich aus der Studienlage jedoch nicht eindeutig ablesen. Gleichzeitig seien Soziale Netzwerke heute integraler Bestandteil des Meinungsbildungsprozesses, sodass eine Altersgrenze Kinder und Jugendliche von elementaren Bereichen sozialer Teilhabe ausschließen und ihr Recht auf informatorische Selbstbestimmung eingrenzen würde. Dazu gehöre der Austausch mit Gleichaltrigen, der Zugang zu niedrigschwelligen Bildungsangeboten und politischer Information sowie die Möglichkeit, eigene Interessen und Identitäten zu entwickeln.

Die präventive Arbeit der Medienbildung sei ein zentraler Baustein, um Resilienz zu fördern und Risiken nicht allein durch Verbote, sondern durch Befähigung zu begegnen, so Spittka und Pohl. Außerdem müsse man Plattformbetreiber stärker in die Pflicht nehmen und mit Altersverifikationssystemen, sicheren Voreinstellungen und transparenten Algorithmen den Schutz im Netz verbessern.

Der Bericht beschäftigt sich zudem mit dem Einfluss von Influencern auf die Meinungsbildung. Wo diese zunehmend Informationsquellen für politische Inhalte werden, steige das Polarisierungsrisiko, so die Experten. Zugleich haben auch die Nutzer Einfluss auf die Stimmung im Netz – indem sie mit ihren Aktivitäten die Reichweite der Inhalte bestimmen: „Was wir im Feed sehen, ist Ergebnis unserer Klicks, der Logik der Plattformen und der Strategien der lautesten Akteure“, so Thorsten Schmiege, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten. Darauf müsse man mit einem Ordnungsrahmen für den Aufmerksamkeitsmarkt und praxisnaher Medienbildung antworten, nicht mit Verboten.KNA

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