Beeindruckend: Rattle in der Isarphilharmonie

von Redaktion

Ließ die Zuschauer jubeln: Sir Simon Rattle. © Ackermann

Als großes Welttheater inszenierte Sir Simon Rattle am Mittwoch in der Isarphilharmonie nicht nur Mahlers Zweite. Vielmehr schien „Der Mensch an der Schwelle…“ über dem Abend zu stehen. Denn auch in Henry Purcells fünfstimmigem Anthem „Remember not, Lord, our offences“ und in Robert Schumanns „Nachtlied“ wird das Lebensende assoziiert.

Ein ungewöhnliches Programm also, in dem der kurze A-Cappella-Gesang mit der eineinhalbstündigen Symphonie harmonierte. Dem Chor des Bayerischen Rundfunks – von Peter Djkstra ausgezeichnet vorbereitet – kam dabei eine wichtige Rolle zu. Purcells gebethafte Bitte um Sündenvergebung und Erbarmen gestalteten die Damen und Herren des BR-Chores sowohl in ihrer ruhigen Schlichtheit wie in der kurzen Verschachtelung mit äußerster Klarheit, und Rattle schuf mit dem sofort anschließenden, düster-verschwommenen Orchestereinsatz einen geradezu nahtlosen Übergang in Schumanns „Nachtlied“. Der Sprung aus dem Barock in die Romantik gelang dem in allen Stimmen klangschön, flexibel und homogen auftretenden Chor vorzüglich und setzte sich in Mahlers Finale beeindruckend fort.

Hier ließ Rattle das „Aufersteh’n, ja aufersteh’n“ von den Herren im äußersten Pianissimo murmeln, vom Orchester gleichermaßen sekundiert. Überhaupt setzte der stets freundlich „fordernde“ Chef auf die großen Kontraste, konfrontierte die exzessiven Klangentladungen mit an der Hörgrenze angesiedelten Pianissimi vor allem in den Ecksätzen. So gelangen Rattle mit den ihm animiert folgenden BRSO unglaubliche Lichtwechsel, blieb die dichte Struktur Mahlers immer gut durchhörbar und ausbalanciert, gelangen Momente wie aus anderen Sphären.

Mahler stellt der existenziellen „Schwelle“ die Erinnerung des Menschen gegenüber und Rattle brachte diese mit Orchester, Fernorchester, Solistinnen (Beth Taylor mit beeindruckendem Mezzo, Louise Alder mit hell gerundetem Sopran) und Chor versöhnlich, ja heiter, obgleich brüchig, und nicht zuletzt mit gläubiger Hoffnung zum Klingen – im zuweilen volksliedhaften „Wunderhorn“-Ton.

Wie Rattle (ohne Partitur) die Spannung über alle fünf Sätze hinweg hielt, faszinierte die Zuhörer und ließ sie jubeln.GABRIELE LUSTER

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