Der Tod braucht eine Krankschreibung

von Redaktion

Der unbezwingbare Chuck Norris ist im Alter von 86 Jahren gestorben – ein konservativer Kämpfer mit Humor

Abberufen: Chuck Norris 1991 in „Hitman“. Kritiker verrissen seine Filme, und trotzdem wurde der Kampfsportler zur Kultfigur. © IMAGO

Einer der unzähligen „Chuck Norris Facts“, die seit Jahrzehnten im Internet kursieren und längst fester Bestandteil der Popkultur sind, lautet: „Chuck Norris ist schon lange gestorben, aber der Tod traut sich nicht, ihn darüber zu informieren.“ Nun hat sich der Sensenmann wohl doch ein Herz gefasst. Auch wenn es unglaublich klingt – Carlos Ray Norris ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Vermutlich hat sich der Tod danach krankschreiben lassen müssen.

Wenig hat anfangs darauf hingedeutet, dass ausgerechnet Chuck Norris ein Star der Sozialen Medien werden und Nachgeborenen der Generation Z als Inspiration für ihren eigenen Code dienen könnte. Ausgerechnet Norris, dieser knochenharte konservative Hund, der nicht an die Evolutionstheorie glaubte und alles, was man „modern“ nennen könnte, misstrauisch beäugte. Ein Mysterium wie so ziemlich alles, was mit Norris zu tun hat.

Das fängt schon damit an, dass bei den ersten Meldungen zu seinem Tod erkennbar Unklarheit herrscht, welchen Beruf man dem Mann zuschreiben will. Als richtigen Schauspieler hat er sich mutmaßlich selbst nicht gesehen, er war eben ein Film- und später TV-Star. Kampfsportler und Unternehmer kommt wohl eher hin. Aber letztlich ist er eben Chuck Norris, Punkt.

1940 als Sohn eines Alkoholikers in die Weite des Mittleren Westen der USA hineingeboren, will Norris zunächst Polizist werden. Er meldet sich erst mal zur Armee, seinerzeit der erste logische Schritt, und landet in Korea, wo er mit asiatischen Kampfstilen in Berührung kommt. Norris beweist immenses Talent, er wird später Karate-Weltmeister werden. Nach dem Dienst zurück in den USA, unterrichtet er asiatischen Kampfsport. Zu seinen Klienten zählen bald illustre Namen aus der Unterhaltungsindustrie. Sein Kollege und Freund Bruce Lee lotst ihn ins Filmbusiness, angeblich lässt sich Norris nur darauf ein, weil seine Kampfsportschulen in finanzielle Schieflage geraten sind.

Es folgen kleine Auftritte in Kinofilmen. 1972 erregt er als Gegenspieler von Bruce Lee im längst legendären „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ Aufmerksamkeit. Mit billig produzierten Actionfilmen, die überraschend gut ankommen, wird Norris eher unfreiwillig ein Filmstar. Steve McQueen, einer seiner Klienten, unterstützt und ermutigt ihn, weiterzumachen. Und so landet Norris dann in den Achtzigerjahren in echten Studioproduktionen wie „McQuade, der Wolf“, „Missing in Action“ oder „Invasion U.S.A.“. Man darf ruhig sagen: eher plumpe Exemplare des Actiongenres, aber dafür patriotisch und ohne jeden Zwischenton. Sie werden Hits, von der Kritik zerrissen, von den Fans, vornehmlich auf Video, immer wieder gefeiert. Es ist die Zeit, in der die USA auf der Leinwand den Vietnamkrieg rückwirkend gewinnen und auch sonst allen Feinden des Landes der Freien und Heimat der Mutigen den Garaus machen wollen.

Chuck Norris wird zum Prototyp des tumben Rednecks, der erst mal alles in die Luft jagt, danach die Überlebenden erschießt und erst dann fragt, wo er sich gerade befindet. Als das nicht mehr so gut läuft, wechselt er in den Neunzigerjahren geschmeidig ins Fernsehen und wird ohne eigenes Zutun im Laufe der Jahrzehnte zur Kultfigur. Einfach, weil er durchhält und sich nicht beirren lässt. Als der Hype um die „Chuck Norris Facts“ vor rund 20 Jahren um sich greift, beweist Norris Humor und Selbstironie. Damit erst wird die Geschichte ikonisch. Denn natürlich soll er als Witzfigur herhalten und dreht die Geschichte lächelnd um.ZORAN GOJIC

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