Schlager sind keine TV-Hits mehr

von Redaktion

Von wegen heile Welt! Für Schlagerfans sind die Dinge im deutschen Fernsehen längst nicht mehr in Ordnung. Vor allem bei der ARD läuft gerade eine regelrechte Abräumaktion. „Immer wieder sonntags“ mit Stefan Mross ist nur noch dieses Jahr zu sehen, die „Beatrice Egli Show“ kommt gar nicht mehr. Und mittlerweile muss auch Andy Borg mit seinem „Schlager-Spaß“ kürzertreten. Als Ursachen werden Sparmaßnahmen und immer wieder die „Verjüngung“ des Programms genannt – obwohl gerade Schlager bei jungen Fans so beliebt sind wie nie zuvor. Wir analysieren die Hintergründe.

Der große Kahlschlag: Für die meisten Schlagzeilen sorgte das Aus von „Immer wieder sonntags“. Nach über 30 Jahren verabschiedet sich der SWR von der Sendung, die am Sonntagvormittag so verlässlich war wie das Kirchturmläuten. Die „Beatrice Egli Show“ wird nach nur acht Ausgaben eingestellt. Die Schweizerin nennt ihre Herbst-Tournee als Grund. Doch das Portal Schlagerprofis.de ist skeptisch: Zwischen 10. und 16. Oktober ist gar kein Egli-Konzert angesetzt – und angeblich war die Aufzeichnung in Berlin für 14. Oktober fix geplant. Alles nur Ausreden?

Borg & Kaiser: Anfang 2026 flog bereits die „Schlagerhitparade“ mit Christin Stark aus dem MDR-Programm. Auch Andy Borg ist betroffen: Der SWR zeigt seinen „Schlager-Spaß“ im kommenden Mai nicht neu produziert, sondern schickt eine drei Jahre alte Konserve ins Rennen. Schlagerprofis.de kommentiert trocken: Borg sei „blöderweise zu erfolgreich“ – deshalb werde sein Format wohl zumindest vorerst weiterlaufen. Auch die kultige „Kaisermania“ mit Roland Kaiser in Dresden, bei der mittlerweile mehr junge als alte Fans Party machen, ist dieses Jahr nicht mehr live im MDR zu sehen. Kuriose Begründung für so ein Riesenevent: unlösbare Tonprobleme bei der Übertragung.

Irrweg Jugendwahn: Die Einschaltquoten von Florian Silbereisen oder Giovanni Zarrella auch bei Jüngeren sind so gut, dass die Shows oft den Tagessieg bei den 14- bis 49-Jährigen einfahren. Und selbst wenn man Schlagershows als Angebote für Ältere einstufen mag, stellt sich die Frage: Wer zahlt eigentlich den Rundfunkbeitrag? Ein 70-Jähriger muss die gleichen Gebühren entrichten wie ein 30-Jähriger – und hat damit das gleiche Recht auf ein Programm, das ihn interessiert. Zarrella scheint zwar noch fest im Sattel zu sitzen. Doch auch beim ZDF regiert das Streichkonzert für Ü30-Programme. So dampft das Zweite unterhaltsame Vorabend-Krimis wie „Soko Stuttgart“, „Soko Wismar“ oder „Notruf Hafenkante“, die früher bis zu 30 Folgen pro Staffel umfassten, auf gut 20 Folgen ein. Ein Drittel weniger Krimi fürs gleiche Gebührengeld. Dabei wissen selbst die Werbekunden, dass die kaufkräftige „Silver Society“ 60+ in Deutschland über das höchste verfügbare Nettoeinkommen verfügt.

Halb so teuer wie der „Tatort“: Zu teuer können die Schlagershows für die Sender auch nicht sein. 2024 kosteten die fünf Silbereisen-Ausgaben laut inoffizieller Quellen zusammen 10,4 Millionen Euro – oder 10.667 Euro pro Minute. Das ist etwa halb so viel wie beim „Tatort“. Aber ein gut gemachter „Tatort“ bringt Senderchefs eben mehr Lob im Feuilleton ein als ein unterhaltsamer Silbereisen.

Die Schuld der Schlagerbranche: Dass selbst Florian Silbereisen in der ARD jetzt eine Show im Jahr weniger machen darf (von der Silvesterparty abgesehen), hat sich die Schlagerbranche auch selbst zuzuschreiben. Wer in jede Sendung die gleichen Semino Rossis, Ben Zuckers und DJ Ötzis einlädt, macht sich mit dieser grotesken Monokultur angreifbar.

Kaum TV-tauglicher Nachwuchs: Hier sieht es bitter aus. Plattenfirmen wie die für ihre Ideenlosigkeit gefürchtete Telamo überfluten Spotify & Co. mit Billigproduktionen anonymer Künstler wie „Madlen Rausch“, „Sandy van Ry“ oder „Ricky Maier“. Die Qualität dieser Schlager-Dutzendware, die nach KI und Hochzeits-Alleinunterhalter klingt, ist erschütternd. Der ehemalige „Wetten, dass..?“-Produzent Holm Dressler sagt: „Leider existiert keinerlei Vielfalt beim Schlager.“

Fazit: Am Ende bleibt vielen Zuschauern nur die Wut über eine Programmplanung, die sie als Schlag(er) ins Gesicht sehen. Fan Martin kommentiert bei Schlagerprofis.de: „Ich bin entsetzt. Die Zerstörung des deutschen Schlagers geht weiter. Unfassbar.“JÖRG HEINRICH

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