Polizisten auf Abwegen

von Redaktion

Der neue „Tatort“ aus dem Schwarzwald überzeugt mit starken Figuren und Konflikten

Nachtarbeit am Tatort Schwarzwald: Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau beim Dreh zur Folge „Innere Angelegenheiten“. © SWR

Die Spannung ist hoch, von Anfang an. Sofort ist man mittendrin im nächtlichen Geschehen rund um den gewaltsamen Tod eines Rockers. Der wurde kurz zuvor im Nebenraum einer Disco erschlagen, mutmaßlich von Ramin Taremi (Omid Memar). Nun wird Taremi auf dem Revier von Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) verhört, während Tobler (Eva Löbau) zusammen mit der Kollegin Babayan (Nairi Hadodo) Taremis Freunde und Familie zu schützen sucht – vor der zur Selbstjustiz rüstenden Rockergang, die sich vor dem Club versammelt hat.

Auf einem unwirtlichen Parkplatz stehen derweil sechs Bereitschaftspolizisten und streiten, schachern und schmieden Allianzen: Eine Version der Geschehnisse im Club muss her, auf die sich alle „einigen“ können, bevor der entsprechende Bericht geschrieben wird. Am besten eine, die die Polizisten nicht belastet, ihre Karrieren nicht zerstört. Denn der Rocker war noch am Leben, als die Vertreter des Staates den Ort betraten, der kurz darauf zum Tatort wurde…

Zwischen diesen drei Schauplätzen spielt sich der neueste Freiburger „Tatort: Innere Angelegenheiten“ ab, den das Erste am Sonntag um 20.15 Uhr ausstrahlt. Ein Konzept, das gut funktioniert, einen starken Sog entwickelt – nicht zuletzt durch den Zeitdruck, unter dem die sechs Polizisten stehen: Die Kollegen warten auf deren Rückkehr ins Präsidium und ihre Sicht der Dinge. Doch Jakub (Lasse Lehmann) widersetzt sich der vom Dienstältesten Wolle (Andreas Anke) durchgedrückten Variante, die die Schuld an dem Todesfall Taremi anhängen will.

Der sei ohnehin ein „Intensivtäter“, so die Argumentation auch der ehrgeizigen Miriam (Anna Bardavelidze) und von Timo (Ben Felipe), der wegen anderer interner Verfahren einen wackeligen Stand hat. Pia (Caroline Hellwig) dagegen schlägt sich bald auf Jakubs Seite. Mahmoud (Mouataz Alshaltouh) wiederum fällt es besonders schwer, sich zu positionieren. Er hängt zumindest gefühlt irgendwie immer mit drin im kriminellen Sumpf seines Wohnviertels, aus dem er auch Taremi kennt – selbst wenn er der Typ mit der Uniform ist, für die ihn die einen feiern und die anderen dissen.

Das Thema Herkunft zieht sich durch alle Erzählstränge – deutlich, aber beiläufig: Erfahrungen mit Alltagsrassismus lassen Taremi und seine Familie zögern, mit der Kripo zusammenzuarbeiten, das, was sie gesehen und gehört haben, zu bezeugen. „Die Polizei beschuldigen – wann ging das bitte gut aus?“, heißt es hier einmal. Zumal, wenn die Zeugen mit einem so genannten Migrationshintergrund ausgestattet sind, ließe sich hinzufügen?

Tolle Figuren, Dialoge und Konflikte hat Bernd Lange geschrieben, der den Freiburger „Tatort“ einst gemeinsam mit Regisseur Robert Thalheim aus der Taufe hob. Das dritte Mal ist es nun, dass die beiden Tobler und Berg als Anker für psychologisch anspruchsvolle Storys profilieren. Zur vielschichtigen, mitreißenden Studie gerinnt auch „Innere Angelegenheiten“, und das nicht nur, weil Tobler irgendwann „komplizierte Gefühle“ hat.KATHARINA ZECKAU

Artikel 2 von 3