Kronzucker sorgte für Würze

von Redaktion

Münchner Fernsehlegende („heute journal“) feiert morgen seinen 90. Geburtstag

1978 moderierte Dieter Kronzucker die Premiere des „heute journals“ (li.). Heute lebt er in Wien. © fkn/K. Schindler

„Also, wir begrüßen sie zum ‚heute-journal‘“ – mit diesem beiläufig-lässigen Satz etablierte Moderator Dieter Kronzucker in der ersten Sendung Anfang 1978 eine neue Tonlage im Deutschen Fernsehen. Kronzucker, der am Mittwoch 90 Jahre alt wird, war damals einer der bekanntesten deutschen TV-Journalisten. Er und seine Familie wurden 1980 selbst zum Objekt der Berichterstattung, als seine beiden Töchter entführt wurden.

1978 war ein doppelter Aufbruch: Auch die ARD brachte die „Tagesthemen“ an den Start. Beide Formate veränderten die politische Berichterstattung nachhaltig – mehr Analyse, mehr Haltung. Für Kronzucker war das ein „Appell gegen den Verlautbarungsjournalismus“, wie er rückblickend feststellte.

Dass Kronzucker zu den ersten „heute-journal“-Moderatoren zählte, war kein Zufall. Der am 22. April 1936 in München geborene Journalist gehörte damals zu den bekanntesten Fernsehköpfen in Deutschland. Und Kronzucker war ehrgeizig. Sein eigentlicher Haussender, der Norddeutsche Rundfunk (NDR), hatte ihm keine neue Aufgabe nach seinem Geschmack anbieten können – da nahm er das ZDF-Angebot gern an. Der promovierte Philosoph war zu der Zeit bereits viele Jahre ein Mann der Öffentlich-Rechtlichen. Er arbeitete für die Politikmagazine „Monitor“ und „Weltspiegel“, war ab 1968 ARD-Korrespondent für Spanien, Portugal und in Nordafrika, berichtete auch aus dem Vietnamkrieg und aus Venezuela.

Beim NDR leitete er später das Auslandsressort und moderierte den „Weltspiegel“. Außerdem hatte er die Idee für die bis heute erfolgreiche Satiresendung „extra 3“, die Kronzucker anfänglich auch moderierte. Jobs machte Kronzucker in seiner Karriere nie länger als vier Jahre – „weil es dann langweilig wird“.

1980 wurden Kronzucker und seine Familie im Sommerurlaub in der Toskana überfallen, die Erwachsenen gefesselt und Kronzuckers Töchter Susanne und Sabine sowie deren Cousin Martin entführt. Mit den Kronzuckers verfolgte eine ganze Nation das Schicksal der Kinder. Erst nach 19 Tagen kam ein Lebenszeichen, nach 68 Tagen wurden sie gegen 4,3 Millionen Mark – etwa 2,2 Millionen Euro – freigelassen. Wie das Geld aufgetrieben und über katholische Priester übergeben wurde, blieb geheim. 1980 wurde für Kronzucker zur Zäsur: Er ging nach Washington, blieb bis 1986, kehrte zum „heute-journal“ zurück, wurde Sonderkorrespondent in der DDR und verließ 1990 das ZDF für Sat.1.

Dem Bayerischen Rundfunk sagte Kronzucker einmal, in seiner Zeit im Privatfernsehen habe er wegen seiner eigenen Erfahrungen mit der Entführung seiner Kinder und den Berichten darüber den Kollegen beizubringen versucht, „dass man nicht versuchen soll, sich am Unglück der Leute zu weiden“.

Der mit verschiedenen Preisen dekorierte Kronzucker zog sich nach verschiedenen weiteren Stationen, darunter auch als Professor, mittlerweile weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Im vergangenen November wurde ihm in der deutschen Botschaft an seinem jetzigen Wohnort in Wien das Bundesverdienstkreuz überreicht, mit der Begründung, dass er als „heute-journal“-Mitbegründer die „deutsche Medienlandschaft maßgeblich geprägt“ habe.RALF ISERMANN

Artikel 2 von 2