Mit Google Maps zum Heiligen Gral

von Redaktion

Dan Browns „Da Vinci Code – Sakrileg“ als Technik-Spektakel im Deutschen Theater

Effektvoll unterstützt ermitteln Robert Langdon (Hannes Levianto, Mi.) und Sophie (Helena Charlotte Sigal). © Nico Moser

.Nein, es wird diesmal nicht gesungen! Dies sollte einem vor dem Kartenkauf für den „Da Vinci Code – Sakrileg“ bewusst sein. Denn das Deutsche Theater wagt sich mit diesem zugkräftigen Titel nun ausnahmsweise wieder mal ins Schauspiel. Und warum auch nicht? Literatur-Adaptionen liegen an großen Staats- und Stadttheatern schon länger im Trend. Da ist es nur verständlich, wenn auch die Kollegen aus dem kommerziell orientierten Sektor auf den Zug aufspringen.

Schon am Broadway oder im Londoner West End machten zuletzt immer öfter auch große Produktionen von sich reden, die der Musical-Konkurrenz in Sachen Licht- und Spezialeffekten kaum nachstehen. Von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ über das „Stranger Things“-Prequel „The First Shadow“ bis zu den „Hunger Games“. Und natürlich handelt es sich auch bei Dan Browns „Da Vinci Code“ um einen Krimi-Bestseller mit erfolgreicher Hollywood-Verfilmung.

Wie wichtig die Bühnentechnik bei solchen Blockbuster-Adaptionen ist, zeigt sich beim Münchner Premierenabend der Tournee-Produktion gleich in der ersten Szene. Denn nach einem Beamer-Problem darf Hannes Levianto alias Professor Robert Langdon zunächst einmal ordentlich improvisieren, um die Show am Laufen zu halten. Dafür schon mal Hut ab vor dem sympathischen Hauptdarsteller. Ebenso wie für die ironischen Kommentare, mit denen er seinen Vortrag zehn Minuten später beim Neustart der Show würzt. Und dann kreisen auch endlich die leuchtenden Zahlen und Symbole wirbelnd über die Projektionsflächen des verschachtelten Bühnenbilds.

Ausstatter Adam Nee hat hier im Team mit den Lichteffekten von Jack Weir und den Videos von Medime Dereby wirklich ganze Arbeit geleistet, um das Publikum in die verschlungenen Gehirnwindungen des Harvard-Dozenten zu entführen. Begleitet von einer Truppe schwarz gewandeter Mönche, die mit wehenden Kutten bedeutungsschwanger über die Bühne schreiten. Und untermalt von einem ähnlich pathetischen Soundtrack, der zwar nicht mehr von Hans Zimmer stammt, aber immerhin noch fast genauso klingt.

Ein bisschen Ablenkung schadet dabei keineswegs. Denn die um Mythen und Verschwörungstheorien kreisende Handlung wird schon sehr wortreich ausdiskutiert, was zwischen den Action-Momenten auch einige Längen mit sich bringt. Hier hätte man Browns Roman gerne noch mehr straffen und auch etwas mehr Humor einstreuen dürfen. Am unterhaltsamsten ist der Abend jenseits der Schauwerte nämlich dann, wenn die unterschiedlichen Temperamente von Langdon und seiner Begleiterin Sophie aufeinanderprallen. Wenn er sein gesammeltes Nerd-Wissen auspackt, während Helena Charlotte Sigal als schlagfertige Polizistin bei der Suche nach dem Heiligen Gral lieber pragmatisch zu Google Maps und ChatGPT greift.

Da wird Browns Diskurs um christliche Glaubensfragen plötzlich zum Kampf zwischen Mensch und Technik ausgeweitet. Ein Konflikt, der ebenfalls die Inszenierung von Christoph Drewitz beschreibt. Als Musical-Experte versteht er sich natürlich auf effektvolle Showstopper und rasche Szenenwechsel. Aber dies täuscht nicht darüber hinweg, dass es sich bei diesem Thriller im Grunde eher um ein intimes Kammerspiel handelt, dem auf großer Bühne oft die Close-ups der Filmkamera fehlen. So sehr das Technik-Spektakel im Deutschen Theater dies auch auszugleichen versucht. Es empfiehlt sich daher, möglichst nahe an der Bühne zu sitzen.Tobias Hell

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