In stürmischen Zeiten hat Interimsdirektorin Ingrid Thurnher den ORF übernommen. © Hans Klaus Techt / AFP
In diesen Tagen ist das ausnahmsweise ein schöner Termin für Ingrid Thurnher. Im Naturhistorischen Museum in Wien stellt die Chefin des Österreichischen Rundfunks (ORF) das Kulturprogramm zum European Song Contest (ESC) vor. Das Finale ist am 16. Mai. „Der ESC bringt die Welt zusammen“, schwärmt Thurnher. Der ORF ist der Veranstalter dieses Mega-Events.
Derweil ist der öffentlich-rechtliche Sender, weitaus größtes Medienunternehmen in Österreich, gerade auf dem besten Weg, sich selbst zu zerstören. Es geht um sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch, um bezahlte Einflussnahme auf das Programm und Parteienproporz. Dieter Bornemann vom Redaktionsrat, der die Journalisten im ORF vertritt, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Öffentlich entsteht der Eindruck: Was ist das für ein Sauhaufen?“
Es ist eine Lawine, die am 9. März losgetreten wird. Da informiert der ORF, dass sein bisheriger Chef, Generaldirektor Roland Weißmann, tags zuvor mit sofortiger Wirkung zurückgetreten sei. Das kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es gehe um den Vorwurf der sexuellen Belästigung. Betroffen ist eine ORF-Mitarbeiterin. Jede Menge eindeutige Chatnachrichten und Bilder existieren. Das Material muss, dieser Eindruck entsteht, so schwerwiegend sein, dass man Weißmann sofort vor die Tür setzte. Der Geschasste spricht von einer einvernehmlichen Beziehung, er erstattet Strafanzeige. Halb Österreich rätselt darüber, was das für ein Verhältnis war zwischen dem ORF-Chef und einer Angestellten. Der Fall ist eine Initialzündung. Jetzt wird recherchiert, kolportiert und berichtet über alles, was über den Sender-Giganten herauszufinden ist, der mit Gebühren finanziert wird. So wird festgestellt, dass die 13 Top-Verdiener im Haus Jahresgehälter je über 270.000 Euro einstreichen. In der Öffentlichkeit wird diese Bezahlung als unverschämt hoch bewertet.
Der ORF hat 4000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von gut einer Milliarde Euro, im österreichischen Mediensystem nimmt er eine herausragende Stellung ein. Doch jetzt kommt eins zum anderen. Eine Compliance-Kommission hat den Vorwurf der Mitarbeiterin untersucht und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Eine sexuelle Belästigung habe im rechtlichen Sinne nicht vorgelegen. So sei der Frau etwa nie vom Generaldirektor mit beruflichen Konsequenzen gedroht worden.
Die linksliberale Wochenzeitung „Falter“ hat Einblicke in die Chats erhalten und daraus zitiert. „In meiner Welt haben wir Sex, wenn ich Sex will“, hat Weißmann etwa der Frau geschrieben. Oder: Sie solle mit ihm seine neue Matratze „einweihen“. Auch schickte er ihr Fotos von seinem Penis. Die Frau sagt, sie habe ihm ihre Ablehnung gezeigt.
Anna Thalhammer sitzt in ihrem Büro und spricht über den ORF. „Die Entwicklung zeigt, wie Fälle eskalieren“, sagt sie. Und: „Jetzt bricht vieles auf, was schon länger vorhanden war.“ Thalhammer ist Chefredakteurin und Herausgeberin des Nachrichtenmagazins „Profil“ und kennt sich aus in der österreichischen Politik und Medienlandschaft. Sie meint: „Das größte Kommunikationsunternehmen des Landes ist nicht in der Lage, professionell zu handeln und zu kommunizieren.“ Ein Grundübel liegt ihrer Ansicht nach in der abgehobenen Führungsebene: „Diese besteht aus Männerbünden.“
In der Wiener Zentrale tagt regelmäßig der ORF-Stiftungsrat. Und der ist das nächste Problem. Seine Aufgabe ist es, wie bei den Rundfunkräten in Deutschland, den Sender zu kontrollieren. Er hat 35 ehrenamtliche Mitglieder. Diese sind nach Proporz bestimmt, wobei die beiden großen Parteien aus der Nachkriegszeit dominieren – die konservative ÖVP und die SPÖ. Es ist kein Geheimnis, dass manche Stiftungsräte ihre Posten nutzen, um persönlich Profit zu machen, etwa als Lobbyisten. Die Redakteursvertreter haben nun vier Stiftungsräten einstimmig das Misstrauen ausgesprochen.
Die Selbstzerstörung des ORF ist auch demokratiegefährdend. Vom Niedergang profitiert nur eine Kraft: die extrem rechte FPÖ. Diese fordert die Zerschlagung und Verzwergung in einen sogenannten „Grundfunk“.PATRICK GUYTON