Im besten Fall harmlos, im schlimmsten lebensgefährlich: Eckart von Hirschhausen mit einer Lieferung aus dem Netz. In einer neuen ARD-Doku klärt er auf und warnt vor Internet-Betrügern. © Butzmann/WDR
Eckart von Hirschhausen ist frustriert und wütend. Der Arzt, dem die TV-Zuschauer vertrauen, kämpft seit fünf Jahren gegen ein Phantom, das sich im Internet versteckt hält. Rund 2000 Mal wird dort mit seinem Gesicht, seiner Stimme und seiner Integrität für dubiose Scheinmedikamente geworben. In der ARD-Dokumentation „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ zeigt der Mediziner, wie skrupellose Betrüger mithilfe Künstlicher Intelligenz täuschend echte Videos erzeugen. „Dass meine über 30 Jahre aufgebaute Vertrauensbasis zu den Zuschauerinnen und Zuschauern digital angegriffen wird, trifft mich zutiefst“, sagt der 58-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.
Der Film, der ab Freitag in der ARD-Mediathek verfügbar ist und am 4. Mai um 20.15 Uhr im Ersten läuft, macht schnell klar: Es geht hier nicht um ein paar Einzelfälle, sondern um ein perfides System, das auch prominente Kollegen wie Barbara Schöneberger, Markus Lanz und Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt für den Betrug nutzt. Die Fakes greifen auf echte TV-Ausschnitte zurück und manipulieren Stimmen und Lippenbewegungen so präzise, dass selbst Profis zweimal hinsehen müssen. „Das ist Identitätsdiebstahl und Rufmord“, ärgert sich Hirschhausen.
In seiner Doku besucht er eine 80-jährige Berlinerin, die im Vertrauen auf seine Expertise ein Diabetesmedikament bestellt hat. Teure Tropfen ohne Wirkung. „Ich hätte sie nie gekauft, wenn ich nicht so viel von Eckart von Hirschhausen halten würde“, sagt die Geschädigte. Sie ist eine von vielen Betroffenen. Doch nur die wenigsten reden darüber – aus Scham, Wut und Ohnmacht.
Als Hirschhausen das erste Mal durch einen Zuschauerbrief von dem Betrug erfuhr, erkannte er die Dimension noch nicht: „Damals dachte ich, ich lasse die Webseite einfach löschen. Doch es war der Beginn einer langen, zermürbenden Reise.“ Der TV-Moderator zog vor Gericht, klagte gegen Meta, den Betreiber von Facebook und Instagram, und bekam Recht: Der Konzern ist laut Urteil dazu verpflichtet, aktiv gegen die Fälschungen vorzugehen. Doch das Ergebnis ist ernüchternd: „Faktisch passiert nichts. Der Betrug geht weiter und weiter.“
Doch wer steckt hinter dem System, an dem die Plattformbetreiber selbst gut verdienen? Im Film reist Hirschhausen nach Brasilien, um einen Whistleblower zum Vieraugengespräch zu treffen. Der Aussteiger ist ein ehemaliger Callcenter-Agent, der Menschen in Deutschland „bearbeiten“ musste, sobald sie sich für ein Produkt interessierten. Ein Job, der sich gelohnt hat. Bis zu 15 Präparate verkaufte er täglich und bekam dafür 2500 Euro pro Monat. Das sei mehr, als viele Ärzte in Brasilien verdienen, erzählt er.
Die Doku hakt bei der EU-Kommission nach, die sich gegen die Tech-Milliardäre der USA nicht durchsetzen kann, und spricht mit einem Daten-Experten. Dass es gerade chronisch kranke Menschen sind, die zu den häufigsten Betrugsopfern zählen, sei kein Zufall. „Jede Suchanfrage und jeder Kauf hinterlassen im Internet Spuren. Unsere Daten sind wie Konfetti, das man von einem Hochhaus wirft. Etwa 15.000 Informationen verhökern Datenhändler über jeden Einzelnen von uns.“ Und so wissen die Betrüger bestens über die Schwachstellen ihrer Opfer Bescheid.
„Wir stehen an einem historischen Moment“, fasst von Hirschhausen seine Recherche zusammen. Wenn selbst die eigene Wahrnehmung manipulierbar wird, gerät mehr in Gefahr als nur ein guter Ruf. „Das ist ein Angriff auf unsere Demokratie. Denn das Vertrauen untereinander, in Medien und in Institutionen sinkt.“ „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ ist ein eindringlicher Appell an die Politik, genauer hinzusehen – und die Kontrolle über Wahrheit und Vertrauen im digitalen Raum nicht aufzugeben.ASTRID KISTNER