NEUERSCHEINUNG

Frauen im Fokus

von Redaktion

Beatrice Salvioni legt mit „Malacarne“ einen weiteren packenden Roman vor

Auf den Spuren von Elena Ferrante: Beatrice Salvioni. © Penguin

Als Beatrice Salvioni die literarische Bühne betrat, tat sie das direkt mit einem Paukenschlag: Ihr Debüt „Malnata“ stand in Italien wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde vom Feuilleton hochgelobt. Die Österreicherin Mareike Fallwickl, eine bedeutende feministische Stimme ihrer Generation, sprach von dem Roman als „Stichflamme“, die sie komplett entzündet habe. Nun legt die junge Italienerin mit der Fortsetzung nach: In „Malacarne“ wird die Geschichte von Francesca und ihrer Freundin Maddalena, von allen „Malnata“ (die Unheilbringende) genannt, vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs in Italien weitererzählt.

Am Anfang steht der Verrat: Francesca, die seit vier Jahren nichts von Maddalena gehört hat, findet heraus, dass ihr Vater sie belogen hat. Er hatte seine Tochter im Glauben gelassen, ihre Briefe würden Maddalena, die in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen wurde, regelmäßig erreichen. In Wirklichkeit hat er sie versteckt, in der Hoffnung, Francesca würde die „Malnata“ schließlich vergessen. Francesca ist außer sich: Seit Jahren plagt sie sich mit Schuldgefühlen, fühlt sich verantwortlich für das Schicksal ihrer Freundin. Der Verrat ihres Vaters bringt das Fass zum Überlaufen. Francesca flieht aus ihrem Elternhaus und findet Unterschlupf bei ihren Freunden aus Kindertagen. Doch die Zeiten sind schwierig: Ihr bester Freund musste nach dem Tod seines Vaters das Familiengeschäft übernehmen, ein anderer ist zu den Faschisten übergelaufen und Francescas Vertraute aus Kindertagen muss um ihren jüdischen Geliebten bangen. Schließlich kehrt Maddalena aus der Anstalt zurück – und bringt mit ihrer unbekümmerten Weigerung, sich Moralvorstellungen und Konventionen zu unterwerfen, zusätzliche Unruhe in die angespannte Lage.

Wer Elena Ferrantes Neapel-Saga um die Freundinnen Lenú und Lila gelesen hat, fühlt sich bei Salvioni sicherlich hier und da an „Meine geniale Freundin“ erinnert. Und doch greift der Vergleich zu kurz: Wo Ferrante mit großer Ruhe und Detailverliebtheit die Geschichte Italiens von der frühen Nachkriegszeit bis in die Neunzigerjahre nachgezeichnet hat, samt Emanzipationsbewegung, politischen Unruhen und der Entstehung der Mafia, stürzt sich Salvioni mitten hinein in eines der dunkelsten Kapitel des Landes. Sie erzählt von der ätzenden Kleinlichkeit des Faschismus, vom Widerstand kommunistischer Partisanen, von Mitläufern, Opportunisten und dem Kampf der Frauen um ein selbstbestimmtes Leben – auch, was ihre Sexualität betrifft. Die Beziehung zwischen Francesca und Maddalena bleibt dabei stets präsent, wird aber mitunter zum Deus ex Machina. Eine kleine Schwäche in einem ansonsten packenden Roman, der sich auch gut lesen lässt, wenn man den ersten Band nicht kennt.JOHANNA SCHULTHEISS

Beatrice Salvioni:

„Malacarne“. Penguin München, 512 Seiten; 25 Euro.

Artikel 4 von 4